Die Stimme einer rastlosen Generation

Bob Dylan wird 85 und bleibt als genialer Sonderling zwischen Protestlied, Rockrevolution und Mythos einzigartig.
Schwarzach Bob Dylan, geboren am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth, Minnesota, wird am Sonntag 85 Jahre alt und bleibt eine der widersprüchlichsten Ikonen der Musikgeschichte. Aufgewachsen in Hibbing als Sohn ukrainisch-jüdischer Einwanderer, brachte er sich früh Gitarre und Klavier bei, schrieb eigene Songs und zog mit 19 Jahren nach New York. Im Greenwich Village, dem Zentrum der Gegenkultur, spielte er in Clubs, bekam rasch einen Plattenvertrag und nahm seinen Künstlernamen an, den er bei Dylan Thomas entlehnte. Geprägt von Woody Guthrie, Robert Johnson und Leadbelly, fand er bald zu jener Mischung aus Folk, Blues, Poesie und gesellschaftlichem Kommentar, die ihn berühmt machte.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Der Durchbruch gelang 1963 mit “Blowin’ In The Wind”, einem Lied, das zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung wurde. Dylan trat mit Joan Baez beim Marsch auf Washington auf, kurz bevor Martin Luther King seine “I have a dream”-Rede hielt. Obwohl er als weißer Musiker aus Minnesota schwarze Musiktraditionen aufgriff und nie als großer Sänger galt, wurde er zur Stimme eines gesellschaftlichen Umbruchs. Diese Rolle behagte ihm jedoch kaum. Weder als politischer Vorkämpfer noch als akustisches Folk-Idol wollte er sich festlegen lassen.

Gerade deshalb wurde Dylan zur Ikone wider Willen. Immer wieder wechselte er die Richtung, vom Folk zum elektrischen Rock, später zu Country, Gospel, Blues und christlich geprägter Musik. Als er 1965 elektrisch spielte, empfanden viele Fans das als Verrat; in Manchester wurde er als “Judas” beschimpft. Alben wie “Bringing It All Back Home”, “Highway 61 Revisited” und “Blonde On Blonde” wurden dennoch zu Schlüsselwerken des Folkrock. Sein Ruhm bedrängte ihn zunehmend. Mit seiner Frau Sara und den Kindern zog er nach Woodstock, sehnte sich aber nach Normalität. In “Chronicles Volume One” beschrieb er, wie ihn die ständige Beobachtung durch Presse und Fans lähmte: Er könne nichts mehr beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Sogar absichtlich schwächere Musik half nicht, das Image abzuschütteln.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Nach dem Scheitern der Ehe Ende der 70er-Jahre wurde “Blood on the Tracks” häufig als Spiegel der Krise gelesen. Kurz darauf konvertierte Dylan zum Christentum und irritierte sein Publikum mit drei christlichen Rockalben und missionarischen Konzerten. In den 90er-Jahren gelang ihm jedoch ein künstlerischer Wiederaufstieg. “Time Out Of Mind” brachte ihm 1997 einen Grammy ein, später folgten starke Alterswerke wie “Modern Times”, “Tempest” und “Rough And Rowdy Ways”. Insgesamt soll Dylan mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft haben; Filme wie “A Complete Unknown” halten seinen Mythos lebendig. Auch mit Mitte 80 steht Dylan auf der Bühne, allerdings ohne Nostalgieprogramm. Seine Songs arrangiert er oft so radikal um, dass sie kaum wiederzuerkennen sind.
“Dylan war ein Revolutionär. So wie Elvis deinen Körper befreite, befreite Bob deinen Geist”, sagte einmal Bruce Springsteen über den Songpoeten. In der Rock ’n’ Roll Hall of Fame in Cleveland heißt es über ihn: “Bob Dylans Einfluss auf die Musik ist unermesslich”.