57. Russ-Preis: Das Böse kennen, um an das Gute glauben zu können

Annemarie Sutterlüty (70) arbeitet seit mehr als fünf Jahrzehnten mit Strafgefangenen, Haftentlassenen und Menschen aus dem Rotlichtmilieu. Reinhard Haller und Magnus Brunner würdigten die Russ-Preisträgerin als außergewöhnliche Helferin, die auch Schuldigen ihre Würde lässt.
Bregenz, Egg Wer ist das? Was macht die? Wofür wird sie ausgezeichnet? Diese Reaktion habe Laudator Reinhard Haller nach der Bekanntgabe der diesjährigen Russ-Preisträgerin Annemarie Sutterlüty häufig gehört. Unter jenen, die beruflich mit Gefangenen, Straftätern und Menschen aus dem Rotlichtmilieu zu tun haben, sei die Reaktion eine völlig andere gewesen: “Niemand hat es so verdient wie sie.”

Weggefährte und Laudator
Reinhard Haller ist nicht nur selbst Russ-Preisträger und forensischer Gerichtspsychiater. Wie die Preisträgerin Annemarie Sutterlüty habe auch er sich immer wieder mit den Wurzeln des Bösen auseinandergesetzt, sagte Herausgeber Eugen A. Russ in seiner Vorstellung des Weggefährten und Laudators.
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Dass ihr Wirken der breiten Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen geblieben ist, sei kein Zufall, sagte Haller. Sutterlüty arbeite außerhalb des Rampenlichts und in einem Bereich, der selbst professionellen Helfern nicht besonders beliebt sei: in der Betreuung von Schwerverbrechern, Strafgefangenen und Prostituierten, von Außenseitern der Gesellschaft. “Von Menschen, die niemand mag”, zitierte Haller den früheren Russ-Preisträger Albert Lingg.

Darüber hinaus engagierte sich Sutterlüty in der Telefonseelsorge, in der Sterbebegleitung sowie für Suchtkranke. Sie habe dies nicht für Anerkennung getan, sondern aus dem Willen zum Guten, aus Nächstenliebe und – wie sie selbst sagt – für Gottes Lohn. “Sie wollte das Böse im Menschen kennenlernen, um weiter an das Gute glauben zu können.”

“Sie wollte das Böse im Menschen kennenlernen, um weiter an das Gute glauben zu können.”
Reinhard Haller, Laudator und Psychiater
Im Laufe der Jahre habe Sutterlüty nicht nur die Anerkennung von Justizwachebeamten, Ermittlern, Richtern und Staatsanwälten gewonnen, sondern auch jene der Menschen, die sie betreut. Dabei betreibe sie keine Täter-Opfer-Umkehr. Vielmehr finde sie einen Zugang zu den Menschen hinter den Taten, ohne deren Schuld zu leugnen. Ihnen gelte sie als eine “Mutter Teresa”.

Natürlich gebe es auch Menschen, die dem Engagement skeptisch gegenüberstünden. Haller hielt dem die besondere Motivation Sutterlütys entgegen: “Sie ist verrückt idealistisch, verrückt einsatzfreudig, verrückt selbstlos, verrückt empathisch.” Sutterlüty kennt auch die Situation der Opferfamilien: In ihrer Kindheit wurde ihr Onkel in einer Missionsstation im heutigen Simbabwe von Rebellen ermordet.
Grenzen überwinden

Über die christliche Initiative “Missio Minorum” begann für Sutterlüty mit 16 Jahren ein reger Briefwechsel mit verurteilten Mördern und darüber hinaus ein lebenslanges Engagement. Der aus Höchst stammende EU-Kommissar Magnus Brunner kenne es, viele, oft kritische und fordernde Briefe zu erhalten. Aber: “Kaum ein Brief stammt von jemandem, der tut, was Sie tun.” Sutterlüty überschreite jene Grenze, die zwischen einer begangenen Tat und dem Menschen dahinter verlaufe, und begegne Straftätern nicht naiv, sondern mit Haltung und ehrlicher Zuwendung. Darin, so Brunner, liege auch eine europäische Idee – Grenzen nicht nur auf Landkarten, sondern auch im Herzen zu überwinden. “Freiheit ist etwas, das man behalten kann, indem man sie mit anderen teilt”, schloss Brunner. “Sie haben sie nur großzügiger verstanden als die meisten von uns.”

Mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis werden seit 1970 Persönlichkeiten geehrt, die Verantwortung übernehmen, Initiative zeigen und durch ihr Handeln bleibende Spuren hinterlassen. Die Jury stellt sich nicht nur aus den Redaktionen der VN und VOL.AT zusammen, sondern auch auch den bisherigen Russ-Preis- und Ringträgerinnen.