“Du bist geblieben, wo andere gegangen sind”: Annemarie Sutterlüty mit Russ-Preis geehrt

Annemarie Sutterlüty (70) sieht in Straftätern nicht nur die Tat, sondern auch den Menschen dahinter. Seit mehr als fünf Jahrzehnten besucht sie Gefangene, begleitet Haftentlassene und unterstützt Angehörige. Für diese Privatinitiative wurde sie am Dienstagabend mit dem 57. Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis und -Ring ausgezeichnet.
Von Mirijam Haller und Matthias Rauch
Bregenz Seit Jahrzehnten besucht Annemarie Sutterlüty Straftäter in österreichischen Justizanstalten – darunter Mörder, Bankräuber und Drogendealer. Sie begleitet Haftentlassene, unterstützt Angehörige und hält Kontakt zu Menschen, die von der Gesellschaft meist nur dann wahrgenommen werden, wenn es laut wird. Für dieses Engagement wurde die 70-jährige Sozialarbeiterin am Dienstagabend im Bregenzer Festspielhaus mit dem 57. Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis und -Ring gewürdigt.
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“Unser Auge sieht scharf nur in einem Bereich von zwei Grad. Alles andere bleibt unscharf”, sagte Herausgeber Eugen A. Russ vor den rund 450 Gästen. Am Rand des Blickfelds nehme der Mensch vor allem Bewegung und starke Kontraste wahr. “Und genau so sehen wir Menschen am Rande der Gesellschaft: nur dann, wenn es laut wird. Bei der Tat. Beim Skandal. Bei der Schlagzeile.”

Ein Ohr für die Geächteten
Annemarie Sutterlüty sei eine, die den Kopf drehe und genauer hinsehe. “Wer den Rand scharf sehen will, muss den Kopf drehen. Das passiert nicht von selbst. Das ist eine Entscheidung”, sagte Russ. Mit der Auszeichnung richte sich der Blick heuer auf “Menschen am Rande”: Strafgefangene, Haftentlassene, Suchtkranke, Prostituierte, psychisch kranke Straftäter sowie Angehörige von Inhaftierten. Und an diesem Abend ermögliche ihr Engagement, dass auch andere dorthin blickten. “Ohne dieses Publikum wäre der Russ-Preis eine Ehrung. Mit diesem Publikum wird er zu einem gesellschaftlichen Moment.”

Sutterlüty fand ihren Weg zur Gefangenenbetreuung über ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Die Älteste von sechs Kindern – darunter der spätere Egger Bürgermeister Paul Sutterlüty – kam über den Gerichtspsychiater und Suchtexperten Reinhard Haller zur Bewährungshilfe. Schon als 16-Jährige stellte sie sich die Frage: “Was geht eigentlich in einem Mörder vor?” Damals schrieb sie den ersten Brief an einen Gefangenen. Bis heute ist sie geblieben.

Einmal um die Erde für ihre Besuche
Rund 50.000 Kilometer, also mehr als einmal um die Welt, fährt Sutterlüty jedes Jahr zu Justizanstalten – nach Stein, Garsten, in die Karlau oder nach Göllersdorf. Denn Vorarlberg verfügt über keine Einrichtung für den Langzeitvollzug. Manche Vorarlberger in Haft hätten deshalb seit einem Jahr keinen Besuch erhalten. “Außer einen”, sagte Russ.
Sutterlüty begleitet dabei auch Angehörige, darunter Frauen mit kleinen Kindern, zu den Gefängnissen. Wenn ein Mensch nach der Haftentlassung draußen niemanden mehr habe, könne es “erst richtig gefährlich – für ihn und für uns alle” werden. Sie frage deshalb nicht nur nach der Tat, sondern nach deren Wurzeln: Warum ist das passiert? Was hat gefehlt? Wer hält noch zu diesem Menschen?

Über viele Jahre hinweg wechselte Sutterlüty Briefe mit Gefangenen. Sie gibt jenen Menschen ein Ohr, die sonst auf wenig Verständnis hoffen dürfen: “Menschen also, bei denen wir alle die Erfahrung machen, dass Mitgefühl anstrengend wird”, unterstrich Russ.
“Du bist geblieben, wo andere gegangen sind.”
Herausgeber Eugen A. Russ
Bereits Bertolt Brecht klagte in der Dreigroschenoper an, dass die Menschen am Rande der Gesellschaft im Dunkeln, ungesehen, bleiben. Es liege aber am Betrachter, den Lichtkegel zu lenken. So trage sie dazu bei, die Gesellschaft sicherer zu machen – “ohne Publikum. Ohne Applaus”. Für diese Privatinitiative dankte er der Preisträgerin: “Du bist geblieben, wo andere gegangen sind.”

Goldkörner und Bäume
Wie sehr diese Haltung ihr eigenes Handeln bestimmt, zeigte Annemarie Sutterlüty in ihrer Dankesrede. Sie beschrieb ihre Arbeit mit einem Bild, das zugleich ihre Haltung zusammenfasst: “Ich versuche, die Goldkörner in den Herzen und Lebensgeschichten dieser verwundeten Menschen zu suchen, zu finden, zu fördern, damit Heilvolles wachsen kann.” Schon als Jugendliche schrieb sie den Satz “Nichts braucht der Mensch so sehr in schwerer Stunde als das Wissen, nicht verlassen zu sein von seinen Freunden” auf ihre Zimmerwand. “Ich wollte eine solche Freundin sein”, sagte die Bregenzerwälderin. Auch Angehörige der Gefangenen würden leiden und mit Wut, Unmut und Anschuldigungen konfrontiert.

Die 70-Jährige dankte an diesem Abend ihrer Familie, ihren Weggefährten, Sozialarbeitern, Sponsoren und psychiatrisch-forensischen Fachärzten. Auch die Stimmen jener, die sie begleitet hat, trägt sie weiter. Einer habe sie einst gebeten: “Bitte, sieh mich als Baum an.” Sie solle nicht nur auf die verwelkten Äste blicken, sondern auch auf die blühenden und austreibenden Zweige: “Schau den ganzen Baum an, geh um ihn herum.”
Mit dem Dr.-Toni-und-Rosa-Russ-Preis werden seit 1970 Persönlichkeiten geehrt, die Verantwortung übernehmen, Initiative zeigen und durch ihr Handeln bleibende Spuren hinterlassen. Die Jury stellt sich nicht nur aus den Redaktionen der VN und VOL.AT zusammen, sondern auch auch den bisherigen Russ-Preis- und Ringträgerinnen.
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Annemarie Sutterlüty
Geboren 5. August 1956
Wohnort Egg
Beruf Sozialarbeiterin
Ausbildung Nach der Pflichtschule Absolventin der Handelsschule Marienberg.
Beruflicher Werdegang Buchhalterin im Familienbetrieb der Bruggmühle in Egg. Parallel dazu Ausbildung zur Sozialarbeiterin und jahrzehntelange Tätigkeit im Sozialbereich mit Schwerpunkt Bewährungshilfe und Gefangenenbetreuung.
Familienstand Single
Hobbys Singen und Briefe schreiben