Boote und Auto-Karosserien aus Kunststoff

Motor / 14.07.2019 • 12:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Kittelberger-Werkstattmeister Anton Vonach, der auch ein bekannter Segelflieger war, bei der Erprobung des Sportwagens mit der Kunststoff-Karosserie. Kleines Bild: Serienautor Willi Rupp. FOTOS: KITTELBERGER/RUPP

Exklusive vn.at-Serie (Teil 6/6): Die „Kittelberger-Brüder“ und die Vorarlberger Luftfahrt

Bregenz Im Mai 1945 stand Walter Kittelberger vor großen Herausforderungen, denn sein Betrieb ‚Flugzeugwerke Kittelberger‘ in Höchst war „von der französischen Besatzung zur Gänze beschlagnahmt und demontiert worden. Das Fabrikgebäude – schweizerischer Besitz – wurde inzwischen verkauft.“ An seinem Stammsitz in Bregenz-Neu Amerika versuchte er einen Neubeginn. „Im November 1945 habe ich mit bescheidenen Mitteln meinen jetzigen Betrieb für die Erzeugung von Holzwaren gegründet“, erklärte er 1948. Zunächst wurden Paddelboote aus Holz gefertigt, aus dem reichlich vorhandenen Material des Segelflugzeuglagers. Zu Beginn erhielt die Firma – wie viele andere „reichsdeutsche“ Firmen(inhaber) – von den Franzosen einen „Sequester“ vorgesetzt. Bei Kittelberger handelte es sich um Chrysanth Thaler aus Hard.
Walter Kittelbergers Firma führte die Bezeichnung „Wekavia“, in welcher die Namenskürzel W und K – gesprochen WeKa – enthalten waren. Wegen finanzieller Engpässe sah sich Kittelberger genötigt einen Kompagnon in die Firma zu holen. 1950 lautete die Firmenbezeichnung im Handelsregister „W. Kittelberger & Grüner, Flugzeugbau Ges. m.b.H.“. „Leider zerstritten sich die beiden und die Fa. wurde wieder aufgelöst. Ob mein Vater das geliehene Geld wieder zurückgezahlt hat, ist mir nicht bekannt“, versucht sich Alfred Kittelberger, Sohn des Firmengründers, zu erinnern.

Kittelberger WKS-4

Nach dem Krieg befasste sich Walter Kittelberger als erster in Österreich wieder mit der Konstruktion und dem Bau von Segelflugzeugen. Für die französische Besatzung baute er einige Flugzeuge und 1947/48 entstand das Hochleistungssegelflugzeug WKS-4. Das einsitzige Flugzeug aus Holz mit einer Spannweite von 12 m und einem Leergewicht von 102 kg wurde von schweizerischen und französischen Piloten sowie vom Chefpiloten des französischen Aero-Clubs geflogen. Positiv verlautete, dass sich das Flugzeug leichter fliegen lasse als das „Grunau Baby II“. Anderen Berichten zufolge flog sich die Maschine jedoch schlecht, jedenfalls kam es zu keiner Musterzulassung und ein Reihenbau unterblieb.

Ein Flugzeug für die Weltmeister

Der französische Segelflieger Guy Marchand hielt seit 1949 mit 44 Stunden den Weltrekord im Dauerflug. Dem deutschen Segelflieger Ernst Jachtmann musste 1942 nach einem Flugzeugabsturz ein Bein amputiert werden. Dennoch gelang ihm 1943 – nur ein Jahr später – ein über 55 (!) Stunden dauernder Segelflug. Wegen des Weltkrieges wurde dieser Weltrekord nicht anerkannt. Nach dem Krieg wurden die beiden Piloten Freunde. Gemeinsam wollten sie einen neuen Rekord aufstellen. Dazu wurde von Walter Kittelberger ein Segelflugzeug der Type Kranich II gebaut. Finanziert wurde die Maschine von dem Scandinavia Airlines (SAS). Für den besonderen Zweck kamen „besondere Vorrichtungen wie Nachtbeleuchtung, Landescheinwerfer, WC-Anlage etc. zum Einbau.“
Auf dem Flugplatz von Groß-Ostheim bei Aschaffenburg fand die Taufe des Flugzeuges durch eine Stewardess der SAS statt und erhielt den Namen „Scandinavia“. Marchand und Jachtmann kämpften gemeinsam im In- und Ausland für die Wiedererlaubnis des Segelfluges. Später bot Jachtmann Rundflüge mit der Kranich II an, die manch ein Prominenter buchte, wie z. B. Heinz Rühmann und Joachim Fuchsberger.

Walter Kittelberger baute nach dem 2. Weltkrieg Boote aus Polyester.

Kunstharz und Jute

„Zur Zeit stelle ich Automobil-Karosserien nach einem neuen, von mir selbst entwickelten Verfahren für den Volks-Sportwagen her. Außerdem ist auch die Herstellung von Ersatzkarosserien für DKW-Personenwagen sowie von Auto-Wohnanhängern geplant. Die Durchführung dieser Pläne sowie die Ausweitung des derzeitigen Programmes hängen von der Beschaffung der nötigen Räumlichkeiten ab“, erklärte Walter Kittelberger im Dezember 1948.

Die „Wochenproduktion“ der Kittelberger „Polywerft“ in Konstanz.

Im Frühling 1950 meldete Kittelberger in Deutschland seine Erfindung an. Diese „betrifft ein Verfahren zur Herstellung von Fahrzeugbauteilen, insbesondere von Flugzeugbauteilen und Karosserien aller Art. Das Verfahren besteht darin, dass auf ein Formmodell in wechselnder Folge Schichten von Jute oder dergleichen und Kunstharzleim, der mit möglichst grobkörnigen Füllstoffen, wie Kunstharzpulver, Holzmehl, Steinmehl oder dergleichen versetzt ist, aufgetragen werden, wodurch die Schichten nach erfolgter Trocknung unter Vermeidung jeder Pressung eine widerstandfähige Einheit bilden.“ Je nach Verwendungszweck waren drei bis zwanzig Schichten vorgesehen, wobei beispielsweise für den Segelflugbau bereits drei bis vier Juteschichten ausreichten. Kittelberger lobte sein Produkt, dass es
ohne aufwändige Pressung hergestellt werden könne, außerordentlich leicht sowie öl- und wasserfest sei und schließlich bis +300°C standhalte.

Kunststoffkarosserie für „Denzel“-Sportwagen

Seit 1947 beschäftigten sich Ferdinand Porsche und Wolfgang Denzel mit der Herstellung von Sportwagen. Als Basis dienten ehemalige Wehrmachtsfahrzeuge, vorwiegend handelte es sich um den sogenannten Kübelwagen von VW. Während Porsche auf das Leichtmetall Aluminium setzte und in Gmünd im Juni 1948 den Porsche 356 Nr. 1 Roadster präsentierte, bevorzugte Denzel eine Kunstharz-Karosserie.

Karl Kittelberger und der futuristisch wirkende „WD“-Sportwagen in Bregenz Neu Amerika (Anfang 1948). Kittelberger/Rupp

1947 war Denzel auf die Firma Kittelberger in Bregenz gestoßen, die mit dem neuen Werkstoff Kunstharz arbeitete und daraus Boote herstellte. Kittelberger-Betriebsobmann Clemens Groß reiste nach Wien und sah bei Denzel ein kleines Modell aus Knetmasse. In Bregenz entstand aus Lagen von Jute und Kunstharzschichten eine sehr leichte Karosserie, die in vorgefertigten Holzformen gefertigt wurde. Die Kunstharz-Karosserie wog nur 75 kg, was sich bei den späteren Teilnahmen an Autorennen positiv auswirkte.

Ein Denzel-Mitarbeiter war mit einem tiefer gelegten VW-Chassis ohne Aufbau von Wien nach Bregenz gefahren – eine abenteuerliche Reise. In Bregenz fand die „Hochzeit“ statt, d.h. das Chassis mit Motor wurde mit der Karosserie verbunden. Der erste Denzel-Sportwagen entstand auf dem Kittelberger-Betriebsgelände in Bregenz-Neu Amerika. Aus Gründen der besseren Stabiliät besaß das Fahrzeug keine Türen. Der „WD“ erhielt eine blaue Lackierung und wurde fortan „Blauer Blitz“ genannt. Kittelberger fertigte noch weitere fünf Kunststoffkarosserien, von denen zwei bereits mit Türen versehen waren. Keines dieser sechs Fahrzeuge blieb bis in die Gegenwart erhalten. In der Praxis bewährten sich diese innovativen und formschönen Karosserien jedoch nicht, denn sie erwiesen sich im Laufe der Zeit als spröde, empfindlich und brüchig. 1949 stieg Denzel auf Karosserien aus Stahl um. Kittelberger fertigte nun vorwiegend Kunststoff-Bootsschalen, bis er 1953 Bregenz verließ. Damit ging die Kittelberger-Ära in Vorarlberg zu Ende, die einen großen Einfluss auf die Vorarlberger Luftfahrt aber auch für den Automobil- und Bootsbau ausübte. Walter Kittelberger zog nach Deutschland ins Land seiner Vorfahren und baute dort bei Schollmeyer & Mahler in Witten/Ruhr Wohnwagen sowie die ersten Fiberglasboote in Deutschland, bis er schließlich in Konstanz die „Polywerft“ eröffnete.

Willi Rupp, Jg. 1953, pensionierter Mittelschullehrer für Deutsch und Geschichte; beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Vorarlberger Verkehrsgeschichte. Kontakt: w.rupp@aon.at