Russische Armee rückt weiter auf Hauptstadt Kiew vor

Ticker / 12.03.2022 • 05:06 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Russlands Armee weitet ihre Offensiven im Westen und Osten der Ukraine aus und rückt auf die Hauptstadt Kiew vor. Laut Medien wurde in der Nacht zu Samstag mindestens drei Mal Luftalarm ausgelöst. Dem US-Sender CNN zufolge war in Kiew aus der Ferne “minutenlanger” Beschuss zu hören. Auch andere ukrainische Städte meldeten Kämpfe und Beschuss. Extrem dramatisch blieb die Lage in der Hafenstadt Mariupol. Am Freitag war erstmals die Industriestadt Dnipro attackiert worden.

Laut Rettungskräften wurden dabei auch Zivilgebäude bombardiert. Es gab offenbar Tote. In Charkiw wurde ukrainischen Angaben zufolge erneut ein nukleares Forschungslabor von Russen beschossen. Es gebe aber keine atomare Bedrohung.

Nach Angaben der ukrainischen Armee dauerten die Angriffe russischer Truppen im Land weiter an. Rund um die Hauptstadt Kiew gebe es russische Offensiven an der nördlichen Stadtgrenze bei Sasymja und in südlicher Richtung bei Wyschenky, hieß es in einem in der Nacht zu Samstag auf Facebook veröffentlichten Bericht des ukrainischen Generalstabs. Diese Offensiven seien in einigen Bereichen teils erfolgreich.

Neu aufgenommene Satellitenbilder zeigten am Freitagabend offenbar, dass russische Militäreinheiten weiter näher an Kiew heranrückten und aktiv auf Wohngebiete feuerten. Das in den USA ansässige Unternehmen Maxar Technologies meldete, dass etliche Häuser und Gebäude Feuer gefangen hätten. Große Schäden seien in der Stadt Moschun sichtbar, die nordwestlich von Kiew liegt.

Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj sprach am Freitag von einer “humanitären Katastrophe”. In Kiew und anderen Städten gebe es keinen Strom, kein Gas, kein Wasser mehr. Russland wolle die Ukraine “zerstören” und ziehe dazu auch “syrische Mörder” heran, warnte er. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuvor den Einsatz von 16.000 “freiwilligen”, hauptsächlich aus dem Nahen Osten stammenden Kämpfern in der Ukraine bewilligt.

Um die nordostukrainische Stadt Tschernihiw aus südwestlicher Richtung zu blockieren, versuchten russische Einheiten zudem die jeweils rund 15 Kilometer entfernten Orte Mychajlo-Kozjubinske und Schestowytsja einzunehmen. Selenskyj hatte am Freitag gesagt, dass in Tschernihiw eine wichtige Wasserleitung durch Beschuss beschädigt worden sei. In der Folge sei die Großstadt mit knapp 280.000 Einwohnern ohne Wasserversorgung.

In dem ukrainischen Armee-Bericht hieß es weiter, strategische Bomber der russischen Luftwaffe setzten Marschflugkörper in den Städten Luzk, Dnipro und Iwano-Frankiwsk ein. Luzk und Iwano-Frankiwsk befinden sich nördlich und südlich der Stadt Lwiw unweit der polnischen Grenze. In der Nacht zum Freitag hatte Russland seine Angriffe auf den Westen der Ukraine ausgeweitet. Die Angaben ließen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Die südostukrainische Hafenstadt Mariupol ist laut Russland blockiert. Nach Angaben der örtlichen Behörden wurden seit der Belagerung mindestens 1.500 Menschen getötet. Laut Internationalem Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sind die Bedingungen für die rund 300.000 Zivilisten in der Stadt katastrophal.

“Alle Brücken und Zufahrten zur Stadt sind zerstört”, sagte Generaloberst Michail Misinzew vom russischen Verteidigungsministerium am Freitag in Moskau nach Angaben der Agentur Interfax. Er behauptete, dass ukrainische “Nationalisten” die Hauptstraßen vermint hätten und wahllos das Feuer eröffnen würden. “Damit zwingen sie die Bevölkerung, in ihren Häusern zu bleiben.” Es waren schon mehrere Anläufe gescheitert, Zivilisten über vereinbarte Fluchtkorridore zu retten. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, gegen eine vereinbarte Waffenruhe verstoßen zu haben. Das ließ sich nicht unabhängig überprüfen.

Knapp 50 Kilometer nördlich von Mariupol hätten prorussische Separatisten die Stadt Wolnowacha unter ihre Kontrolle gebracht. Die Bewohner hätten angeblich nicht evakuiert werden wollen, behauptete Misinzew. Wolnowacha stand aber noch am Morgen auf einer ukrainischen Liste mit Städten, die evakuiert werden sollten.

Im Osten des Landes brachten prorussische Separatisten nach Militärangaben aus Moskau die Stadt Wolnowacha unter ihre Kontrolle. Sie war nach russischen Angaben seit dem 28. Februar eingekesselt. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite gab es zunächst nicht. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Der Leiter der staatlichen ukrainischen Verwaltung in der von Russland unterstützten Separatistenregion Luhansk, Sergej Gaidai, erklärte, dass die russische Armee 70 Prozent der Region kontrolliert. “Die Lage ist schwierig, überall wird geschossen”, sagt er und fügt hinzu, dass zivile Infrastrukturen wie Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten kontinuierlich angegriffen werden.

Aus mehreren Teilen der Ukraine wurden russische Bombardierungen gemeldet. Der Katastrophenschutz in Dnipro berichtete von drei Luftangriffen, bei denen mindestens ein Mensch ums Leben gekommen sei. Wohngebiete in Charkiw wurden dem Gouverneur der Region zufolge an einem Tag 89 Mal bombardiert. Bürgermeister Ihor Terechow berichtete von 48 zerstörten Schulen.

In Charkiw soll erneut ein nukleares Forschungszentrum beschossen worden sein. Das ukrainische Parlament gab aber Entwarnung. Es seien keine Schäden festgestellt worden, die den Zustand der nuklearen und Strahlensicherheit beeinträchtigten, hieß es in einer in der Nacht zu Samstag veröffentlichten Mitteilung zur Situation der Atomanlagen in der Ukraine. Die Strahlungssituation sei innerhalb der Norm. Während Kiew von einem neuerlichen Angriff Russlands auf das Atomlabor sprach, kam vom russischen Militär der Vorwurf, ukrainische Kräfte hätten ein Gebäude des Forschungszentrums “gesprengt”, um “Nuklearforschung zu verbergen”. “Bis zu 50 Mitarbeiter der Einrichtung können sich unter den Trümmern befinden”, behauptete Generaloberst Michail Misinzew.

Das Labor betreffend wurde die Stromversorgung sicherheitsrelevanter Systeme und Komponenten offenbar wieder hergestellt. Dem ukrainischen Energieversorger Energoatom zufolge sind aber fast eine Million Menschen ohne Strom. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind inzwischen mehr als 2,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen, die meisten von ihnen nach Polen.

Nach Angaben von Energoatom beansprucht Russland das besetzte ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja. Den Mitarbeitern sei gesagt worden, dass es nun dem russischen Staatskonzern Rosatom gehöre, erklärte Energoatom. Russische Truppen hatten das größte Atomkaftwerk Europas am 04. März eingenommen.

Zahlreiche Ukrainer befinden sich wegen des russischen Angriffskrieges auf der Flucht. Nach UN-Angaben flohen inzwischen 2,5 Millionen Menschen aus dem Land, hinzu kommen zwei Millionen Binnenflüchtlinge.

Gegenüber Russland plant der Westen inzwischen weitere Sanktionen. US-Präsident Biden kündigte an, die USA und ihre G7-Partner sowie die EU würden Russland den Status einer “meistbegünstigten Nation” entziehen. Ein solcher Schritt würde den Weg für Zollerhebungen und weitere Handelsbeschränkungen ebnen. Die USA kündigten zudem weitere Import- und Exportverbote im Handel mit Russland sowie mit Belarus an.

Biden bekräftige unterdessen, dass die USA und ihre NATO-Partner “keinen Krieg gegen Russland in der Ukraine führen” würden. “Eine direkte Konfrontation zwischen der NATO und Russland ist der Dritte Weltkrieg”, sagte er. Das müsse verhindert werden.