“Die Kinder hatten noch nie solche Angst”

Während Iryna Okhremenko sicher in Dornbirn lebt, schildert Cousine Nathalie die jüngste Schreckensnacht von Kiew.
Dornbirn Iryna Okhremenko (51) hat viel verloren. Die Top-Managerin und Finanzberaterin floh 2022 Hals über Kopf mit ihren zwei Kindern aus Kiew nach Österreich. In Dornbirn organisierte sie eine ukrainische Flüchtlingscommunity. Derzeit arbeitet sie als Verkäuferin in einer Bäckerei. “Leider kann ich meine Qualifikationen hier nicht nutzen. Dafür fehlen mir die sprachlichen Kenntnisse und einem potenziellen Arbeitgeber die Sicherheit, dass ich auch hier bleibe.”
Mit ihrer Mutter, ihrem gesundheitlich angeschlagenen Mann – er konnte erst vor Kurzem nach Österreich kommen – und den achtjährigen Zwillingen lebt sie in einer Kleinstwohnung auf 44 Quadratmetern. Doch Jammern ist Irynas Sache nicht. “Ich muss doch tapfer sein. Immerhin bin ich hier sicher, lebe nicht im Krieg.”

Brennende Raketenteile
Das kann ihre Cousine Nathalie (52) nicht behaupten. Iryna erreicht sie nahe ihres Wohnortes außerhalb von Kiew vor dem dortigen Postgebäude. Nathalie lacht. Wie kann man in Kiew derzeit lachen? “Wissen Sie, unser Adrenalinspiegel ist hier permanent hoch. Und dann muss man gelegentlich lachen”, sagt Nathalie.
Am frühen Dienstagvormittag war ihr und ihrer Familie jedoch nicht zum Lachen zumute. “Unser Haus liegt an einer Einflugschneise von Raketen und Drohnen. Wir sind nicht das Ziel, aber wir hören den Lärm. An diesem Vormittag sahen wir, wie eine Abfangrakete unserer Armee ein russisches Flugobjekt abschoss. Die vielen Teile fielen brennend zu Boden. Unsere Kinder hatten so etwas vorher noch nie gesehen. Sie hatten so große Angst wie noch nie.”
Repariert und wieder zerbombt
Die zerschossene Energieinfrastruktur in Kiew hat dazu geführt, dass die elfjährigen Eva und Plato in diesem Jahr noch kaum Schulunterricht hatten. “In der Schule gibt es zwar einen Schutzraum. Aber derzeit muss Energie gespart werden. Deswegen findet derzeit kaum Unterricht statt”, erzählt Nathalie.

Während sie und ihre Familie in ihrem Privathaus dank eines Benzingenerators und eines Gasgeräts energiemäßig relativ sicher sind, trifft das auf viele Bekannte und Verwandte in Kiew-Stadt nicht zu. “Dort gibt es oft stundenlang keinen Strom. Wasser kann nicht in höhere Stockwerke gepumpt werden. Die Menschen frieren, sind im Dunkeln. Man kann sich das nicht vorstellen”, sagt Iryna Okhremenko. Sie weiß das deswegen auch im sicheren Dornbirn so genau, weil sie von Vorarlberg aus die Eigentümergemeinschaft eines Großgebäudes in Kiew verwaltet. Jeden Tag erfährt sie, was für neue Probleme es gibt, wie die aktuelle Energiesituation ist. Dann organisiert sie Hilfe. “Gerade wurde die soeben reparierte Energieinfrastruktur von den Russen wieder zerbombt”, erzählt sie zerknirscht.

Der Fatalismus
Das laufende Video-Gespräch mit Kiew erhält indes eine plötzliche Dramatik. Sirenen sind zu hören, und eine laute Stimme aus einem Lautsprecher. “Wir sollten einen Schutzraum aufsuchen”, erklärt Nathalie. Besonders eilig hat sie es nicht. “Ich bin das ja gewohnt. Die Kinder sind zu Hause. Dort gehen sie jetzt sofort ins sichere Badezimmer.”
Wie groß ist ihre Hoffnung, dass dieser Albtraum endlich endet? “Mit Hoffnung beschäftige ich mich nicht mehr. Wir leben hier von Tag zu Tag, machen das Beste draus.” Wieder lacht Nathalie. Ein Ausdruck von Fatalismus. “Was willst du, wenn es Leute wie Trump gibt, von denen du nie weißt, was sie als Nächstes mit dir vorhaben.”