Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Die Zermürbung

Politik / 13.01.2026 • 08:52 Uhr

Mitten im vierten, eiskalten Kriegswinter ohne Heizung. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind zuletzt nach dem schweren russischen Angriff vergangenen Freitag mehr als tausend Wohngebäude tagelang ohne Energieversorgung. Praktisch die gesamte Stadt wird durch einen Raketeneinschlag von der Strom- und Wärmeversorgung abgeschnitten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Russland nach den Luftangriffen der vergangenen Woche „bewussten, zynischen Terror“ gegen die Bevölkerung seines Landes vor; 1100 Drohnen, 890 Fliegerbomben und 50 Raketen seien alleine in dieser Zeit gegen nicht militärische Ziele eingesetzt worden: auf Wohnhäuser und Energieanlagen.

Dazu habe Russland auf extrem frostiges Wetter gewartet, um den Ukrainerinnen und Ukrainern das Leben möglichst schwer zu machen. Der Kreml selbst erklärt, die Bombardierung wäre ausschließlich auf militärisch relevante Objekte gerichtet – ja, was soll man denn machen, wenn Zivilistinnen und Zivilisten unter der Zerstörung der Energieinfrastruktur leiden! Tatsächlich ist der Krieg, den Russlands Präsident Wladimir Putin vor bald vier Jahren befohlen hat, von Beginn an nicht nur darauf angelegt, die ukrainische Armee im Kampfeinsatz zu besiegen. Es geht auch darum, die Bürgerinnen und Bürger im Land mit Gewaltexzessen und Terror zu zermürben, ihren Willen zu brechen.

Das Massaker von Butscha

So, wie man es schon im Frühjahr 2022 beobachten konnte, als in der Stadt Butscha nach dem Rückzug der russischen Truppen hunderte tote Menschen auf den Straßen lagen. Erschossen, gefoltert, erschlagen, die meisten Opfer waren laut den internationalen Untersuchungen der Vereinten Nationen Zivilistinnen und Zivilisten. Doch auch derartig schockierende Kriegsverbrechen konnten den Widerstand der Ukraine nicht nachhaltig erschüttern, also setzt Russland verstärkt auf die Zermürbung der Bevölkerung durch Ressourcenmangel: Wer friert, kein warmes Wasser und keinen Strom hat, wer mit täglichem Sirenenalarm und der dauernden Bedrohung aus der Luft lebt, muss doch aufgeben.

Auch wenn Selenskyj noch immer Hoffnung vermitteln will, die Realität ist bedrückend. Russland hat kürzlich das von den USA und mehreren westlichen Staaten ausgehandelte Friedensabkommen für die Ukraine zurückgewiesen. Das anfangs so große internationale Interesse an diesem Krieg ist ermattet, weil es viel zu viele Informationen und andere, neue Probleme auf der Welt gibt. Die Ukraine befindet sich in einem täglichen Kampf, von ihren Verbündeten in Europa und der Welt gesehen zu werden, weiterhin Unterstützung zu erhalten. Auch das ist ein Ringen, das ein Land irgendwann zermürben kann.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.