Hasen, Kirchen und Kunst
Ostern wird’s. Und da wird so manches anders als sonst. Wir gedachten eines besonderen Abendessens unter Freunden mit einem besonderen Reinigungsritual, eines gewaltsamen, außergewöhnlich brutalen Todes, heute Nacht feiern wir eine ziemlich ungewöhnliche Wiedererstehung. Eben, manches ist anders als sonst. Hasen werden morgen ihres natürlichen Zustandes beraubt, in unsinniger Weise mit Eiern, die dann gegeneinander geschlagen werden, verbunden, Erwachsene wie Kinder laufen sinnloserweise in Wäldern und Wiesen umher, suchen hinter jedem Strauch irgendetwas, um dann, wenn sie es gefunden haben, in freudiges Rufen zu verfallen. Alles ist eben ein bisschen anders als sonst.
Aber das mit der Abteikirche der Mehrerau ist nicht sonderbar, das ist, zumindest für mich, nachvollziehbar.
Auch die Gespräche drehen sich um Themen, die sonst kaum berührt werden. „Bist du bei der Kirche, bei der katholischen, meine ich“, fragte mich einer. „Nein“, antwortete ich. „Gehst du in die Kirche, jetzt, an Ostern?“ „Ja.“ „Zu welchen Anlässen?“ „Zu den hohen Feiertagen, Donnerstag bis Sonntag, vielleicht nicht immer, aber doch.“ „Wieso? Du glaubst doch nicht!“ „Das weiß ich noch nicht so sicher.“ „In welche Kirche gehst du?“ „In die Abteikirche in der Mehrerau.“ „Warum?“ „Weil ich erstens Klöster liebe, zweitens das Mönchstum ungeheuer spannend finde und drittens ganz besonders diese Klosterkirche mag.“ „Warum, wo du doch nicht bei der Kirche bist? Du musst doch nicht.“ „Ich muss nicht, darum gehe ich. Manchmal. – Man kann Kirchen trotz allem mögen, die Ruhe, die sie verbreiten, die Rätsel, die in Bildern und Skulpturen stecken, die großen, hallenden Räume, das stille Übereinkommen der Menschen, die man dort trifft.“ Wie gesagt, alles sonderbar an Ostern, auch die Gespräche.
Aber das mit der Abteikirche der Mehrerau ist nicht sonderbar, das ist, zumindest für mich, nachvollziehbar. Denn sie ist eine der wenigen, architektonisch großartigen Kirchen der jüngeren Zeit. Anfang der sechziger Jahre von Architekt Hans Purin geplant, von einem mutigen Konvent damals junger Patres und Brüder gegen eine Mehrheit vertreten. Ein Raum, der sich besinnt auf die vom Hl. Bernhard, dem Urvater der Zisterzienser und Benediktiner (die früher einmal für Jahrhunderte in der Mehrerau lebten), geforderte Haltung: Einfachheit, Klarheit, Zurückhaltung, dem alten Spruch „Ora et labora“, bete und arbeite, zugewandt. Und dennoch eine Architektur, die in ihrer Modernität überzeugt. Dazu, so ganz nebenbei, im rechten Seitenschiff der so einfache wie wunderbare Tabernakel von Hans (Jean) Arp, dem großen abstrakten Künstler des 20. Jahrhunderts. Dann, vor dem Eintritt in die Kirche, das Monumentalrelief des Bregenzerwälder Bildhauers Herbert Albrecht, in dem er Themen aus dem letzten Buch der Bibel, der Apokalypse des Johannes, behandelt, unter anderem das 12. Kapitel: „Und es erschien am Himmel ein großes Zeichen, eine Frau, umkleidet mit der Sonne, der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.“ immel Himmel ein Himmel ein groes Zeichen, eine Frau, Allein für dieses Relief lohnt es sich, in die Mehrerau zu gehen. An Ostern – oder auch sonst immer.
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg
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