Kommentar: Zuversicht und Vertrauen?
Bei den Jahresrückblicken konnte einem richtig übel werden. Ich halte es lieber mit Eugen Roth: Mit Einsicht, Zuversicht, Vertrauen nicht rückwärts, sondern vorwärtsschauen. Da bin ich deutlich in der Minderheit. Laut einer Gallup-Umfrage ist Österreich eines der pessimistischsten Länder weltweit. Nur 15 Prozent glauben, dass 2026 besser wird als 2025. 41 Prozent erwarten, dass es schlechter wird. Wieder ein Beweis, dass das Raunzertum in der österreichischen DNA verwurzelt ist. Oder wie es der „Spiegel“ gerade formuliert hat (auch in Deutschland ist der Optimismus aktuell gering): „Die verdrießliche, bisweilen hysterische Grundstimmung unserer Zeit unterschätzt die langsamen Lawinen positiver Entwicklungen, die trotz allem jederzeit durch die Weltgeschichte laufen.“ Also auf zu positiven Wünschen für 2026.
“Da steht bei den meisten der Friede an oberster Stelle, namentlich in der von Russland überfallenen Ukraine”
Da steht bei den meisten der Friede an oberster Stelle, namentlich in der von Russland überfallenen Ukraine, aber zu für die Ukraine zumutbaren Bedingungen. Für mich ganz oben steht aber auch die Frage, wie Europa überlebt und sich global behauptet. Das mit dem Überleben ist – siehe Ukraine – durchaus militärisch gemeint, wie selbst erklärte Pazifisten wie Falter-Herausgeber Armin Thurnher oder der einstige Star der 68-er-Bewegung, der Grüne Daniel Cohn-Bendit, meinen. Deshalb ist das Herumeiern von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner über die Wehrdienstverlängerung grob fahrlässig. Vor über 20 Jahren hat der ÖVP-Minister Günther Platter die Wehrpflicht von acht auf sechs Monate verkürzt und zugleich die verpflichtenden Milizübungen abgeschafft. Gegen die Kritik führender Militärs. Zwei Jahrzehnte später ist das Bedrohungsszenario ein anderes. Man darf annehmen, dass die von Tanner einberufene Kommission in zwei Wochen die Verlängerung empfiehlt, aber ob die Ministerin angesichts einer nur dünnen Mehrheit in der Bevölkerung für die Verlängerung auch den politischen Mumm hat das durchzusetzen, bleibt die Frage. Laut einer Gallup-Studie sind nur 51 Prozent für die Verlängerung, aber nur 36 Prozent der über 30-Jährigen. Und nur 32 Prozent dieser Altersgruppe für die dann unausweichliche Verlängerung auch des Zivildienstes. Die österreichische Politik orientiert sich meistens an Umfragen.
Die Forderung nach mehr europäischer Eigenständigkeit in der Sicherheitspolitik ist, nach Ukrainekrieg und den Kapriolen von Donald Trump, Mainstream. Na ja, wenn wir halt von der FPÖ absehen – aber das ist eine andere Geschichte. Der streitbare deutsche Ökonom Hans Werner Sinn fordert sogar eine gemeinsame Armee („Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa“, Herder-Verlag). Siehe da, die eher EU-kritisch eingestellten Österreicher wollen jetzt, zu 83 Prozent, ein gemeinsam geschlossenes Auftreten der EU bei Krisen. Da rennt der Bundespräsident glatt offene Türen ein, wenn er meint, dass man stolz auf die europäische Idee sein soll. Verbunden mit der Warnung, man möge Europa nicht „schlechtreden“. Wen er damit wohl gemeint hat?
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.
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