Kommentar: Energiekrise – Individualisierung statt Politik?

02.04.2026 • 07:30 Uhr
Kommentar: Energiekrise - Individualisierung statt Politik?
VN-Kommentator Simon Tschannett.

Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energie Agentur, hat angesichts der rasant steigenden Preise für fossile Energie – ausgelöst durch den Krieg der USA gegen den Iran und die Sperre der Straße von Hormus – vor zwei Wochen zehn nachfrageseitige Maßnahmen zur „Abfederung“ des Ölpreisschocks vorgeschlagen. Er nennt dabei etwa weniger fliegen, mehr Homeoffice, den öffentlichen Verkehr vermehrt nutzen und Fahrgemeinschaften als probate Mittel. Im Ö1 Mittagsjournal vom 23. März zählt auch Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) einige Möglichkeiten des Spritsparens während der Krise auf, darunter: Langsamer und vorausschauend fahren oder gleich kürzere Strecken zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen. Er macht das nicht, ohne auf eine nötige Spritverbrauchsbremse hinzuweisen.

Diese Empfehlungen sind in der Krisensituation sinnvoll – und doch zeigt sich darin ein Muster: Verantwortung wird individualisiert.

Der Einzelne soll es richten.

Was als pragmatische Krisenreaktion daherkommt, ist längst zu einem politischen Prinzip geworden. Politik wird dabei immer mehr zur Verhaltensberatung. Fahr sparsamer. Dreh die Heizung runter. Erlerne Medienkompetenz für den richtigen Umgang mit Social Media oder für das Erkennen von Fake News. Was fehlt, sind strukturelle Eingriffe. Und jetzt fehlen gerade die, die unsere Abhängigkeit von fossiler Energie mit ihren unplanbaren Preissprüngen beenden würden.

Die Ökonomin Sigrid Stagl – auch im Ö1 Mittagsjournal am 23. März – hat recht: Individuelle Beiträge sind in der Krise sinnvoll, aber begrenzt. Wer sich darauf beschränkt, lässt die großen Hebel ungenutzt – und wirtschaftliche Chancen liegen. Der Umbau zu erneuerbaren Energien, die Elektrifizierung und eine effizientere Infrastruktur würden uns nicht nur klimafreundlicher, sondern auch unabhängiger und resilienter machen.

Wie das konkret gehen kann, hat das Kontextinstitut gerade Anfang dieser Woche in einem „Befreiungsplan“ detailliert dargelegt – mit konkreten strukturellen Vorschlägen.

Individualisierung ist politisch bequem: Sie verlangt Anpassung, ohne Auseinandersetzungen auszutragen. Doch genau diese Auseinandersetzungen wären jetzt nötig – mit etablierten Interessen, mit fossilen Geschäftsmodellen, mit einer Infrastruktur, die uns verwundbar macht. Denn die letzten beiden Energiekrisen zeigen dasselbe Muster: steigende Preise, höhere Inflation und begrenzter Handlungsspielraum. Echte Politik würde daraus Konsequenzen ziehen – und die Energiewende zur naheliegenden Wahl machen. Nicht der einzelne Mensch wird dann zu unbequemen Entscheidungen gezwungen, sondern das System erleichtert die sichere, unabhängige und krisenfestere – und dabei auch klimafreundlichere – Wahl.

Der Vorarlberger Simon Tschannett ist Meteorologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Stadtklimatologie.