„Ich muss einfach“ – Hale Hämmerle gibt alles für ihr Kind

Die Lauteracher Mutter betreut ihre stark beeinträchtigte Tochter rund um die Uhr – was wirklich dahintersteckt, realisieren die meisten nicht.
Lauterach „Sie ist 19 Jahre alt, aber auf dem Stand eines mehrere Monate alten Babys“, beschreibt Hale Hämmerle den Zustand ihrer stark beeinträchtigten Tochter Selina (19). Der hohe und ständige Pflegeaufwand ist sehr belastend, aber die 45-Jährige legt alles daran, ihrem Kind viel Liebe und Freude zu schenken.

Starke Beeinträchtigungen
Selina ist vollkommen auf ihre Mutter angewiesen. Sie hat Pflegestufe sieben und kann weder sprechen noch gehen oder selbstständig essen. „An ihrem Schreien erkenne ich, ob sie Hunger hat, Schmerzen verspürt oder einfach nur schlecht gelaunt ist“, erzählt Hämmerle. Ihre Tochter wird im Abstand von zwei Stunden mit pürierter Nahrung gefüttert und gewickelt werden muss sie alle drei bis vier Stunden.

An schlechten Tagen braucht sie viel Beschäftigung und Nähe, wodurch Hämmerle kaum Zeit für andere Aufgaben wie die Hausarbeit bleibt. Hin und wieder gibt es auch unruhige Nächte, nach denen beide mit nur zwei oder drei Stunden Schlaf zur Arbeit beziehungsweise zur Lebenshilfe gehen. „Doch abgesehen von solchen Phasen ist sie sehr unkompliziert“, sagt ihre Mutter.

Einen Tag nach Selinas Geburt wurde bei ihr das Down-Syndrom festgestellt. Rund ein Jahr später kam eine Epilepsiediagnose hinzu. „Am Tag hatte sie teilweise bis zu 35 Anfälle“, erinnert sich Hämmerle. Damals waren unzählige Therapien Teil des Alltags. Mit der Zeit brachte man die Epilepsie in den Griff, doch in den vergangenen Jahren kamen eine starke Skoliose (eine Verkrümmung der Wirbelsäule) und Endometriose (eine häufige Unterleibserkrankung) hinzu.

Unermüdlicher Einsatz
Hämmerle ist seit einigen Jahren alleinerziehend und arbeitet Teilzeit. Viermal pro Woche ist die Ordinationsassistentin bis zum Nachmittag im Dienst und übernimmt Selina danach sofort von der Lebenshilfe. Zeit für sich selbst bleibt ihr nur selten. Jedes zweite Wochenende ist Selina bei ihrem Vater, und auch Hämmerles 26-jähriger Sohn sowie eine Freundin passen hin und wieder auf ihre Tochter auf. Doch oft erledigt die zweifache Mutter in dieser „freien Zeit“ in Ruhe die Hausarbeit, den Einkauf oder Behördengänge.

„Das Herausforderndste ist, sich selbst nicht zu verlieren und seine Ziele trotzdem zu verfolgen“, sagt die Lauteracherin. Ein großer Wunsch von ihr wäre es, eine ein- bis zweiwöchige Reise am Stück zu machen. Doch erstens gibt sie Selina über Nacht nur in die Obhut von Menschen, die sie gut kennt, um sicher zu sein, dass sie gut behandelt wird. Und zweitens bittet sie ungern um Hilfe oder um einen Gefallen. „Schlussendlich brauche ich nicht viel – manchmal ein Spaziergang in der frischen Luft oder ein Kaffeetrinken mit Freunden gibt mir schon viel.“

Auch wenn Hämmerle durch die Pflege täglich erschöpft ist, findet sie dennoch Kraft, um anderen Eltern mit beeinträchtigten Kindern zu helfen, zum Beispiel beim Ausfüllen von Anträgen, bei Telefonaten und mit Informationen. Woher sie die viele Energie nimmt, weiß sie selbst nicht. „Ich bin es nicht anders gewohnt. Ich muss einfach.“ Hin und wieder weint sie aus Erschöpfung. Doch dann sieht sie das Lächeln ihrer Tochter und weiß, warum sie all das auf sich nimmt.

Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde Hale Hämmerle mit dem Vorarlberger Pflegeaward 2026 in der Kategorie „Pflegende Angehörige und Betreuung daheim“ ausgezeichnet.