“Ein sehr schmerzhafter Schritt”

03.06.2026 • 14:30 Uhr
Vorarlberger Kinderdorf
Das Vorarlberger Kinderdorf kommunizierte die Maßnahme mit klarer Ansage. VOKI

Vorarlberger Kinderdorf stellt Besuchsbegleitung mit Ende Juni ein. Das SOS-Kinderdorf übernimmt.

Darum geht’s:

  • Vorarlberger Kinderdorf stellt Besuchsbegleitung ab 2026 ein.
  • Grund sind geänderte finanzielle Rahmenbedingungen.
  • SOS-Kinderdorf übernimmt, Standortzusammenlegungen geplant.

Bregenz Es ist ein Schritt, der Simon Burtscher-Mathis zutiefst schmerzt, denn: “Zum ersten Mal muss das Vorarlberger Kinderdorf ein Angebot einstellen.” Konkret geht es um die seit 20 Jahren bestehende Besuchsbegleitung. Sie ermöglicht Kindern aus strittigen Trennungssituationen einen sicheren Kontakt zum anderen Elternteil. Über 600 Familien wurden in dieser Zeit in den Besuchscafés begleitet. Damit ist ab 30. Juni 2026 Schluss. Burtscher-Mathis nennt “geänderte finanzielle Rahmenbedingungen” als Grund. Er sieht die Finanzierungssicherheit über das neue Gutschein-System mit den gekürzten Tarifen nicht mehr gegeben. “Das Risiko ist aufgrund der insgesamt angespannten Situation zu hoch”, sagte er im VN-Gespräch.

Die Besuchsbegleitung wird das SOS-Kinderdorf übernehmen. Sie wird in den Räumlichkeiten von “Rainbows” stattfinden. Für Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer zählt, dass keine Lücke entsteht. “Rainbows” bringe Erfahrung in dieser Thematik mit und habe zugesichert, das Angebot bei Bedarf zu erweitern. Laut Netzer müssen sich auch die Wartezeiten in einem vertretbaren Rahmen bewegen. Es gelte, die Entwicklung jetzt erst einmal abzuwarten.

"Ein sehr schmerzhafter Schritt"
Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer hofft auf einen reibungslosen Übergang. VN/RP

Keine Anmeldungen mehr

Seit 2006 organisiert das Vorarlberger Kinderdorf an zwei Standorten im Ober- und Unterland begleitete Besuchskontakte. Anfangs gab es eine Kooperation mit dem Institut für Sozialdienste, seit 15 Jahren ist das Vorarlberger Kinderdorf alleiniger Anbieter. Die Treffen finden jeweils am Freitag und Samstag unter Aufsicht von geschultem Personal statt. “Nach sorgfältiger fachlicher und betriebswirtschaftlicher Prüfung wurde nun entschieden, das Angebot mit Wirkung 30. Juni 2026 einzustellen. Kontaktbegleitungen werden bis zu diesem Zeitpunkt verlässlich fortgeführt, neue Anmeldungen können nicht mehr aufgenommen werden”, ließen die Verantwortlichen in einer schriftlichen Aussendung wissen. “Das Land hat keine Verpflichtung zur Mitfinanzierung eines solchen Angebots”, flicht Burtscher-Mathis noch erklärend ein. Da fehle es an klaren Zuständigkeiten. Die Tarifkürzungen zeitigen dennoch Folgen.

"Ein sehr schmerzhafter Schritt"
Alexandra Wucher und Simon Burtscher-Mathis suchen derzeit überall nach Sparpotenzial.

Standortzusammenlegungen

Die Abgänge der kostenfreien Besuchsbegleitung wurden bislang über die Gesamtstruktur abgefangen: “Inzwischen ist diese aber so angespannt, dass sich eine Weiterführung mit unserem fachlichen Qualitätsanspruch nicht mehr ausgeht.” Die begleiteten Besuchskontakte kamen vor allem in hochstrittigen Trennungs- und Obsorgekonstellationen zum Einsatz, um Kindern einen geschützten Kontakt zu getrennt lebenden Elternteilen zu ermöglichen. “Zudem hat sich die Besuchsbegleitung als wichtige Maßnahme im Rahmen der Familiengerichtshilfe etabliert”, bedanken sich Simon Burtscher-Mathis und Alexandra Wucher bei allen Beteiligten für die engagierte Zusammenarbeit im Sinne des Kinderschutzes.

Künftig fällt für die bis dato kostenlose Besuchsbegleitung ein Selbstbehalt an. Auch da gilt es laut dem Kinder- und Jugendanwalt hinzuschauen, was eine soziale Staffelung angeht. Beim Vorarlberger Kinderdorf wird unterdessen weiter über die Bücher gegangen, um Sparpotenziale auszuheben. Als nächste Maßnahmen stehen dem Kinderdorf-Geschäftsführer zufolge Standortzusammenlegungen an.

"Ein sehr schmerzhafter Schritt"
“Rainbows” ist in Vorarlberg mit Trennungs-, Scheidungs- und Trauerangeboten für Kinder aktiv. Symbolfoto Janisch