“Meine Großeltern waren die Liebe selbst”

05.10.2026 • 13:15 Uhr
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Rosi Hess (links) und Tochter Ilse Reber (rechts) mit Gastgeberin Imelda Dönz.

Rosi Hess ist 102 Jahre alt. Die Wahlschweizerin macht seit 60 Jahren Urlaub im Montafon.

St. Gallenkirch Es gibt Kuchen und Kaffee. Imelda Dönz vom Haus Plazabella in St. Gallenkirch hat ihre Hausgäste Rosi Hess (102) und deren Tochter Ilse Reber (85) eingeladen. Beide Frauen kommen mit Schwung zur Wohnzimmertür herein. Rosi überrascht auch durch ihre aufrechte Haltung. Man kann es kaum glauben, dass sie schon 102 Jahre alt ist.

Seit knapp 60 Jahren verbringt Rosi ihre Ferien im Montafon, bei Imelda Dönz macht sie seit 25 Jahren Urlaub. “Imelda ist mein Schatz. Hier fühle ich mich wie daheim.” Vor zweieinhalb Wochen hatte Rosi zu Hause in der Schweiz einen Unfall. “Ich bin über einen Blumentopf gestolpert. Dabei habe ich mir das Schienbein verletzt.” Schnell war klar: “Ich reise trotzdem zu Imelda ins Montafon.”

Bis zum Alter von 93 Ski gefahren

Das Montafon kennt Rosi wie ihre Westentasche: Es gibt hier kaum einen Berggipfel, den sie nicht erklommen hat. Die Seniorin wanderte auch gerne von Hütte zu Hütte. “Vor zwei Jahren, mit 100, machte sie noch vierstündige Wanderungen und einen Tandemflug”, verrät Gastgeberin Imelda, die seit 45 Jahren mit Herzblut Zimmer und Ferienwohnungen an Gäste vermietet. Auch im Winter genoss Rosi die Schönheit des Montafons. Sie ging mit Leidenschaft Ski fahren oder machte mehrstündige Skitouren. Erst mit 93 hörte sie auf, Ski und Auto zu fahren.

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Imelda Dönz (links) und ihre zwei Gäste stoßen am Rellseck mit einem Schnaps auf den bevorstehenden Sonnenuntergang an.

In Sachen Gesundheit meinte es das Schicksal gut mit ihr. “Als Kind kränkelte ich zwar. Aber seit meinem zwölften Lebensjahr war ich nie ernsthaft krank.” Rosi wuchs in der Nähe von Bischofshofen auf – ohne Geschwister. “Ich hatte einen Bruder und eine Schwester. Beide starben im Kleinkindalter an Kinderkrankheiten.” Auch ihren Vater verlor Rosi früh. “Er kam krank aus dem Krieg zurück. Mit 48 Jahren ist er verstorben.” Ihre Mutter musste arbeiten gehen. “Mich zogen meine Großeltern auf. Sie waren die Liebe selbst. Die haben alles für mich getan.”

Der Zweite Weltkrieg raubte Rosi ihren Ehemann Peter. “Wir waren zwei Jahre verheiratet. Er war Pilot und wurde abgeschossen.” Rosi blieb mit ihrer 14 Monate alten Tochter Ilse alleine zurück. Es war ein schwerer Schicksalsschlag für die junge Mutter. “Aber Jammern bringt nichts. Dann wird es nur schlimmer.” Rosi ist der Meinung, dass man sein Schicksal annehmen muss. “Das, was vorbestimmt ist, muss man akzeptieren.” Sie nimmt jeden Tag so, wie er kommt. “Es ist besser, wenn man nicht zu viel nachstudiert und sich auf das Gute konzentriert.”

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Rosi Hess am Rellseck in Bartholomäberg. Dort erlebte sie einen wunderschönen Sonnenuntergang.

In der Schweiz, wo Rosi in einem Hotel als Servicekraft arbeitete, lernte sie Arnold kennen, ihren zweiten Ehemann. Den beiden waren 22 gemeinsame Jahre vergönnt. “Arnold starb mit 56 Jahren. Er litt an Krebs.”

Seit 14 Jahren lebt die Witwe mit ihrer Tochter Ilse zusammen. “Ich habe eine ganz liebe Tochter, die gut auf mich schaut.” Die Vitalität ihrer alten Mutter beeindruckt Ilse. “Mama macht noch alles selbst. Sie kann sich noch selbst duschen und die Haare waschen. Sie kocht auch noch gerne.” Manchmal muss Ilse ihre betagte Mutter jedoch einbremsen. “Mama wünschte sich zu ihrem 102. Geburtstag wieder einen Tandemflug. Diesen habe ich ihr aber verboten. Denn im Februar zog sie sich nach einem Sturz einen doppelten Schambeinbruch zu.” Rosi wäre liebend gern gesprungen. Denn: “So einen Flug würde ich am liebsten jeden Tag machen. Da sitzt man bequem drin und schwebt wie ein Vogel.”

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Im Alter von 100 und 101 machte Rosi Hess einen Tandemsprung.

Die Wahlschweizerin sprüht noch vor Lebenslust. Trotzdem setzt sich die 102-Jährige mit dem Tod auseinander. “Ich bin jeden Tag bereit. Wenn es so weit ist, dann ist es so weit. Dann muss man es annehmen.” Aber sie würde gerne noch eine Weile leben. “Nächstes Jahr möchte ich wieder zu Imelda ins schöne Montafon kommen. Ich will noch einmal den Sonnenuntergang am Rellseck erleben.”