Erkenntnis über die Vernunft hinaus

Franziskus und Benedikt XVI. werben im Lehrschreiben für den christlichen Glauben.
Rom. An jenem 28. Februar 2013, an dem er sein Amt niederlegte, hatte Papst Benedikt XVI. ein unvollendetes Manuskript in der Schublade. Es sollte seine vierte Enzyklika werden. Er übergab den Rohtext an seinen Nachfolger Franziskus. So entstand das erste päpstliche Lehrschreiben, das zwei Autoren hat. Es heißt „lumen fidei“ und handelt vom „Licht des Glaubens“. Der Begriff nimmt Bezug auf das Johannesevangelium. Dieser Text vom Ende des ersten Jahrhunderts zitiert Jesus mit den Worten: „Ich bin das Licht, das in die Welt kommt.“ Dem römischen Sonnengott Sol invictus hielt das junge Christentum so ein Licht entgegen, welches das ganze Sein des Menschen erhellt.
„Ein trügerisches Licht?“, fragen beide Päpste in ihrer 90 Seiten langen Enzyklika. Schließlich baue der Mensch ab der Neuzeit stolz auf seine Vernunft. Der Glaube hinderte ihn geradezu daran, „sich wagemutig auf die Ebene des Wissens zu begeben“. Der Glaube – eine Illusion? Oder, wie Nietzsche in einem Brief vermerkt, ein Weg zur Seelenruhe, aber nicht zur Wahrheit? Bald kam der Glaube nur mehr dort zum Zug, wo die Vernunft an ihre Grenzen stieß. Der Glaube „wurde wie ein Sprung ins Leere verstanden, den wir aus Mangel an Licht vollziehen“. Aber Benedikt XVI. und Franziskus merken an, dass das Licht der Vernunft offenbar „nicht imstande ist, genügend Klarheit über die Zukunft zu vermitteln“. Der Mensch, der die Suche „nach einem großen Licht“ den vielen kleinen Lichtern des Augenblicks opfert, bleibt mit seiner Angst allein. Dabei bräuchte er sie dringend, diese „neuen Augen“, mit denen die Welt mit einer so selbstlosen Liebe betrachtet wird, wie es nach christlichem Verständnis nur Gott zu gewähren vermag.
Die Enzyklika entfaltet in ihrem Kern das Zentrum des christlichen Glaubens. Beide Päpste beziehen sich mehrfach aufs Zweite Vatikanische Konzil. Verfasst haben sie eine Art Lehrbuch, einen kleinen Taschen-Katechismus, der dem Katholiken bündig in Erinnerung ruft, worum es geht. Darum nämlich, sich Gott so anzuvertrauen, wie Abraham das gewagt hat. Die Bibel verwendet das hebräische Wort „emunach“ für „glauben“. Es heißt „stützen, tragen“. Gott soll der Christ so präsent halten, wie es das Volk Israel tut, das seine Beziehung zu Gott in lebendigen Erzählungen von Generation zu Generation weiter reicht. Natürlich fällt der Glaube an einen Gott, den niemand sieht, schwer. Der näherliegende Götze als Ersatz aber, schreiben die Päpste, „ist ein Vorwand, sich selbst ins Zentrum der Wirklichkeit zu setzen, in der Anbetung des Werkes der eigenen Hände“. Der Mensch verliert sich an „die Vielfalt seiner Wünsche“. So bleibt Götzendienst „eine ziellose Bewegung von einem Herrn zum anderen“.
„Wir sind keine Einzelkämpfer“
Benedikt XVI. und Franziskus betonen, dass Christentum auf Gemeinschaft beruht. Christen sind keine Einzelkämpfer. „Wer glaubt, ist nie allein.“ So, wie der Mensch Architekten vertraut, die Häuser bauen, „brauchen wir auch einen, der kundig ist in den Dingen Gottes“.
Dass der Mensch Gott auf die andere Seite der Welt verbannt hat, bedauern die Autoren ebenso wie den Umstand, dass heutzutage nur mehr die Wahrheiten der Technologie akzeptiert würden. Die „dem Glauben eigene Art der Erkenntnis“ sei der „großen Vergessenheit“ anheim gefallen. Diese einmalige Form der Erkenntnis aber ereigne sich „im Herzen“. Man fühlt sich an Antoine de Saint-Exupérys „Kleinen Prinzen“ erinnert, dem der Fuchs sein Geheimnis verrät: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Der Vergleich mit der Liebe drängt sich auf. Oft genug werde sie „auf ein Gefühl reduziert, das kommt und geht“. Dabei überlebt sie den flüchtigen Augenblick nur, wenn sie auf Wahrheit gründet. Wahrheit wiederum bleibt ohne Liebe „kalt und unpersönlich“.
Die Ehe benennen die Autoren als unverbrüchlich. Dass der christliche Glaube unteilbar ist und eines Lehramtes bedarf, unterstreichen der Papst und sein Vorgänger.
Niemand tauft sich selber, so wie niemand von allein geboren wird.
Papst Franziskus