Die leise Revolution des Dienens

Ein Osttiroler Fresko aus 1480 bringt den Kern des Gründonnerstags auf den Punkt
Bregenz Bregenz. Der Gründonnerstag steht für zwei Haltungen: vergeben und füreinander sorgen. Der Südtiroler Künstler Simon von Taisten hat beide menschlichen Qualitäten um 1480 in ein und dasselbe Fresko gepackt.
Geboren um 1450 im Südtiroler Pustertal, schuf Simon von Taisten das Fresko zum Gründonnerstag an der Nordwand der Osttiroler Wallfahrtskirche „zu unserer Lieben Frau Maria Schnee“ in Obermauern. Die spätgotische Kirche, mit ihren hohen Spitzbogenfenstern, ist innen vollständig mit Fresken übersät. Simon hat sie um 1480 als knapp 30-Jähriger ausgemalt. Dieses zu Stein gewordene Bilderbuch erzählt bunt und lebendig unter anderem die Leidensgeschichte Jesu. So entstand eine „biblia pauperum“, eine „Armenbibel“ für jene, die nicht lesen konnten.
Erinnern – wozu?
In einem Bild kommt Jesus gleich zweimal vor. Einmal sitzt er am Tisch und bricht mit den Jüngern das Brot. Dieses letzte Abendmahl vor seiner Ermordung steht bis heute im Zentrum des Gottesdienstes. Rund um den Erdball teilen die Menschen Brot und Wein „zu meinem Gedächtnis“. Mit diesen Worten fordert Jesus seine Jünger auf, sein Leiden, Sterben und Auferstehen für immer präsent zu halten. Das ist sein Vermächtnis. Dabei wirft er weder Judas noch Petrus aus dem Saal, obwohl sie ihn verraten und verleugnen werden.
Doch dieses Erbe wäre nicht komplett, wenn es die zweite Szene am unteren Bildrand nicht gäbe. Da wäscht Jesus dem Simon Petrus die Füße. Diese symbolische Handlung wird in vielen Pfarreien nur einmal im Jahr, am Gründonnerstag, vollzogen. Papst Franziskus verlegte den Ritus aus dem Petersdom ins Gefängnis. Dort wusch er Inhaftierten die Füße. Gleich nach seiner Amtseinführung bezog er auch Andersgläubige mit ein und kniete vor einer Muslima nieder, um ihre Füße zu waschen.
Dass Simon von Taisten beide Szenen in einen Bildrahmen packt, ist wohl kein Zufall. Denn beide Gesten haben Sprengkraft. Sie gehören zusammen. Der Begründer der politischen Theologie, Johann Baptist Metz, nannte das sogenannte Herrenmahl in seinem Buch „Glaube in Geschichte und Gesellschaft“ eine „gefährliche Erinnerung“. Warum? Das hat damit zu tun, welche Zukunft Christen erwarten. Metz zeichnet diese Zukunft vor dem Hintergrund des Lebens Jesu, der „sich selbst zu den Unscheinbaren, den Ausgestoßenen und Unterdrückten bekannte. Diese kommende Herrschaft Gottes belohnt nicht primär die Braven und Rechtschaffenen. Sie dämmert als befreiende Macht einer vorbehaltlosen Liebe herauf. Christinnen und Christen erwarten mit Metz eine „Zukunft der Hoffnungslosen, der Gescheiterten und Bedrängten“.
Gefährlich und befreiend
Wer also die Erinnerung an dieses Jesus von Nazareth wachhält, kann dies nicht allein beim festlichen Messbesuch tun. Gefährlich und befreiend ist diese Erinnerung, „weil sie die Glaubenden zwingt, sich ständig selbst zu verändern, um dieser Zukunft Rechnung zu tragen“, schreibt Metz.
Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner hat diese Botschaft im April 2023 in einer Predigt auf den Punkt gebracht: „Jesu Nachfolge ist nicht Wellness, sie bedeutet, sich niederbeugen, den anderen die Füße waschen.“ Keine noch so eloquente theologische Spitzfindigkeit kommt dieser Geste auch nur in Ansätzen nahe. Die Fußwaschung ist kein Karrieresprungbrett, sondern der treue und stille Dienst an Menschen, mit denen vielleicht niemand mehr etwas zu tun haben will.
Der Gründonnerstag gehört nicht den Großen dieser Welt: Er ist der Tag der pflegenden und liebevoll begleitenden Menschen, die ihren Dienst tun, ohne sich dafür einen Gegenwert zu erwarten. Einfach nur, weil sie gebraucht werden.