Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Mutiger Schritt im Vorwahljahr

Politik / 24.10.2013 • 21:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das kennt man ja: Dann und wann jagt die Gemeinde einen neuen Trend durchs Dorf, und alle sind ganz aus dem Häusel. Doch das Konzept der „Sozialraumorientierung“ sprengt den Rahmen kurzatmiger Erregung ganz locker. Da liegt richtig viel Veränderungspotenzial auf dem Tisch. Qualitativ, aber auch finanziell: Land und Gemeinden geben 2014 aus den Steuertöpfen annähernd 280 Millionen für soziale Dienste aus. Sollten sie eines Tages weniger brauchen, werden sie nicht Nein sagen.

In den 1960er- und 1970er-Jahren, als die Wiesen noch grün und die Budgets üppig waren, bat das Land die sozialen Einrichtungen, salopp formuliert: Schaut halt, was es braucht und entwickelt Lösungen. Das taten die. Sehr effizient. Jahre des Wachstums folgten. Das Institut für Sozialdienste fing ganz klein an mit Beratungen für Jugendliche. Heute nutzen mehr als 30.000 Klienten pro Jahr die 60 verschiedenen Angebote des IfS.

Das Bild von den großen „Sozialinstitutionstankern“ des Landes, an denen sich viele kleine Organisatiönchen laben wie Putzerfische am Pottwal, wird gerne mal bemüht, wenn Sozialarbeiter beim Grüntee beisammenstehen. Aber solange allen gedient ist, warum auch nicht? Das Land hat Kinderdorf, IfS, Caritas & Co jahrzehntelang immer mehr Leistungen abverlangt. Das hat die Organisationen mächtig werden lassen. Wie mächtig, musste das Land im Frühjahr 2011 erfahren, als die Jugendwohlfahrt im Gefolge des Falles „Cain“ in die Knie ging und die Leistungsträger ihre Forderung nach mehr Mitteln in die Öffentlichkeit trugen.

Nun geht es im Konzept der Sozialraumorientierung natürlich nicht um Macht, sondern um den Klienten. Der soll wieder stärker ermuntert werden, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Sozialarbeit hilft nur noch, wo es nötig ist. Nicht mehr darüber hinaus. Das leuchtet ein. Die Institutionen kriegen Geld im Voraus. Mit etwas Spielraum erledigen sie den Job. Keine lästigen Einzelfall­abrechnungen mehr, aber auch nicht mehr jede erwünschte Unterstützung. Der „Kunde“ wird wieder zum Bürger mit Problemen. Anders als dem „armen Hascherl“ darf man einem Bürger auch Eigeninitiative abverlangen.

Das klingt ganz wunderbar. Aber das Sozialsystem derart auf den Kopf zu stellen, erschüttert alle Beteiligten. Sie müssen nämlich ihre Rollen hinterfragen. Wenn der Prozess unsensibel anläuft und es dem Land nur ums Sparen ginge, mit dem Nebeneffekt, die Träger durch gedeckelte Budgets wieder an die Kandarre zu nehmen, hätte Markus Wallner im Wahljahr eine heftige Sozialdebatte am Hals.

thomas.matt@vorarlbergernachrichten, 05572/501-724

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.