Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Päpstliche Irritationen

Politik / 03.12.2013 • 22:48 Uhr

Mitten hinein ins Adventgeschäft platzt die harsche Kritik des Papstes am geltenden Wirtschaftssystem. Er wird ungemein deutlich, wenn er schreibt: „Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die ‚Wegwerfkultur‘ eingeführt, die sogar gefördert wird.“ Das stößt auf Widerstand. Die Süddeutsche Zeitung nennt die Passagen „linksradikal“, Frankfurter Allgemeine und die Zeit schütteln die Häupter, denn „der Papst irrt“.

Allerdings spricht er aus, was viele denken. Seine Forderung nach einer gerechteren Verteilung der Einkünfte trägt die Züge der argentinisch-gemäßigten Form der Befreiungstheologie. Die Revolution, die Franziskus der katholischen Kirche verordnet, muss in der ganzen Gesellschaft wirken. Man fragt sich: Was ist da noch zu erwarten?

Franziskus hat es zum Programm der Kirche gemacht, Anwalt der Armen zu sein. Uneingeschränkt, kompromisslos. Aber ist die Kirche in Mitteleuropa dazu überhaupt in der Lage? Oder fühlt sie sich zunehmend vor den Kopf gestoßen? Mit dem ehemaligen Erzbischof von Buenos Aires ist eine neue Weltsicht in Rom angekommen. Die Kirche, sagt der Papst, sehe in Lateinamerika oder Asien eben völlig anders aus. Das müsse Europa aushalten, davon soll es lernen. Die griechische Tradition macht hörbar einer neuen globalen Lesart Platz. Das gab es so noch nie.

Gesellschaftspolitisch sagt der Papst nichts Neues, wenn er den Konsum als keineswegs alleinseligmachend geißelt. Dennoch wollen alle immer mehr verkaufen, sonst droht der Verlust von Arbeitsplätzen. Wie ein Menetekel steht es an die Wand geschrieben. Man fragt sich: Lässt sich unser System ohne Verlust überhaupt aushebeln?

Man spürt: Das ist mehr als der übliche Zivilisationsverdruss. Der Papst legt sich mit Politik und Wirtschaft an. Was kann er verlieren? Wie alle Mächtigen der Welt wird er an seinen Taten gemessen werden. Was wird den Worten folgen? So, wie er die Gesellschaft zur Reform aufruft, verordnet der Papst seiner Kirche einen Kurs der Dezen­tralisierung und bittet sogar um Reformvorschläge für das Papsttum. Man mag langsam verstehen, dass manche um das Leben dieses radikalen Kirchenführers fürchten.

thomas.matt@vorarlbergernachrichten, 05572/501-724