„Man traut den Lehrern das nicht zu“

Politik / 18.11.2015 • 19:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bildung interessiert. Das bewies der große Zulauf beim Bildungsforum der Wirtschaftskammer in Bregenz. Foto: VN/Paulitsch
Bildung interessiert. Das bewies der große Zulauf beim Bildungsforum der Wirtschaftskammer in Bregenz. Foto: VN/Paulitsch

Schulforscher Michael Schratz (63) ortet bei der Bildungsreform fehlenden Mut.

Innsbruck. Er hat das Forschungsprojekt „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen in Vorarlberg“ wissenschaftlich begleitet und geprägt: Professor Michael Schratz, Erziehungswissenschaftler und Dekan der „School of Education“ an der Universität Innsbruck. Den Entwurf der Bildungsreform sieht Schratz im Zusammenhang mit Schul-Modellregionen mehr als Reduktion denn als Transformation: „Brauchen würde es Letzteres. Eine Umwandlung von Schule, nicht einen Fleckerlteppich mit unterschiedlichsten Subsystemen“, betont der Wissenschaftler.

„Vorarlberg weiter“

Vorarlberg ist nach Meinung von Schratz im Bereich Schulentwicklung weiter als andere. „Man sieht, dass sich in puncto Erfahrung bei der Bundesregierung und einigen Bundesländern große Unterschiede feststellen lassen. Man fragt sich: Warum wird diese Modellregion nur mit halber Kraft gefördert? Warum soll nur ein Teil der Schulen da mitmachen dürfen und ein anderer Teil nicht?“, bemerkt der Schulforscher. „Das wäre ja so, wie wenn nur 15 oder 20 Prozent der Lehramtsstudenten
die PädagogInnenausbildung neu machen dürften.“

Der gebürtige Feldkircher glaubt, dass man es den Lehrern einfach nicht zutraut, eine erfolgreiche Umwandlung von Schule zu schaffen: „Diese jetzt geschaffene Bundesregelung widerspricht auch der Vorarlberger Mentalität: die Ärmel hochkrempeln und mit Engagement etwas Neues schaffen.“

Angst um Reformeifer

Eine Schullandschaft mit verschiedenen Schulsystemen sei für Vorarlberg nicht ideal. „Es fürchten sich große Bundesländer wie etwa Niederösterreich vor einer flächendeckenden Umgestaltung von Schule. Vorarlberg wäre von der Größe her genau richtig für eine Modellregion“, glaubt der Leiter der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck. Schratz hofft, dass die Bemühungen und das Engagement für Schulentwicklung in Vorarlberg nicht nachlassen. „Dieser Reformeifer darf nicht einfach verpuffen. Ich bin optimistisch, dass er das auch nicht tut.“ Dass sich die Rahmenbedingungen für Schulentwicklung durch die Beschlüsse der Reformkommission geändert haben, streitet Schullandesrätin Bernadette Mennel (56) jedoch nicht ab.

„Kein großer Wurf“

Zurückhaltend beurteilt „Pro Gymnasium“-Vorarlberg, eine Gruppierung, die klar gegen eine gemeinsame Schule eintritt, die Bildungsreform. „Es wird zwar Modellregionen geben können“, erklärt Sprecher Rainer Gögele (59), „aber die Bedingungen – kein ganzes Bundesland, keine Kostenbeteiligung des Bundes – sind so gestaltet, dass die Durchführung schwierig werden dürfte.“ Das Papier habe keine großen Überraschungen gebracht. Positiv bewertet der ehemalige Klubobmann der ÖVP im Landtag die beschlossenen Maßnahmen für die Frühförderung.

Für den Landesschulsprecher der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen, Sebastian Ratz (18), hat die Bildungsreform wichtige Schülerforderungen ignoriert. „Ich finde darin nichts über die Einführung der Modularen Oberstufe, nichts über ein Feedbackrecht für Schüler in der Bewertung von Lehrern. Die Reform ist nicht der große Wurf.“ Positives findet Ratz in der Reform dennoch. „Der Ausbau der Schulautonomie und die Installierung von Highspeedinternet und WLAN an den Schulen sind zu begrüßen.“