“Schlachtfeld der Regionalmächte”
Saudi-iranischer Konflikt könnte syrischen Friedensplan gefährden, sagt Experte.
wien. In der kommenden Woche sollen unter der Ägide der UN in Genf Friedensgespräche zwischen der syrischen Regierung und der Opposition stattfinden. Nahost-Experte Thomas Schmidinger hat nach dem Bruch zwischen Riad und Teheran keine großen Hoffnungen diesbezüglich, zumal sich der syrische Krieg längst zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den Regionalmächten entwickelt habe.
Glauben Sie, dass die Friedensgespräche überhaupt stattfinden werden?
schmidinger: Nach der Eskalation des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und dem Iran tendieren meine Hoffnungen gegen Null, dass bei den Gesprächen etwas herauskommen kann. Wenn sie überhaupt stattfinden.
Welche Auswirkungen hat der Konflikt zwischen dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran auf Syrien?
schmidinger: Syrien ist zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudi-Arabien geworden. Aber das ist auch im Jemen und im Irak der Fall. Die saudisch-iranische Rivalität ist ein ganz wichtiger Faktor in diesen Regionalkonflikten. Es geht dabei weniger um den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Es geht darum, dass der Iran und Saudi-Arabien in der Region um ihren Einfluss streiten. Syrien wurde zum Schlachtfeld der Regionalmächte.
Welche Rolle spielt der konfessionelle Konflikt zwischen den Sunniten und den schiitisch geprägten Alawiten, denen auch Syriens Präsident Baschar al-Assad angehört?
schmidinger: Der syrische Krieg ist quasi konfessionalisiert worden. Die syrische Regierung hat bewusst auf die religiöse Karte gesetzt, also auf die Angst der Minderheiten vor einer Machtübernahme dschihadistischer Gruppen. Sie hat aber auch von Anfang an Angehörige der alawitischen Minderheit auf wichtige Positionen im Staat gehievt, besonders im Sicherheitsbereich. Dadurch haben Teile der Opposition wahrgenommen, dass der Krieg zwischen den Alawiten und den Sunniten stattfindet.
Erschwerend für den Friedensplan scheint, dass sich Russland und die USA nicht auf Rebellengruppen einigen können, die am Verhandlungstisch sitzen sollen. Kommen die Verhandler um radikalislamische Rebellengruppen überhaupt noch herum?
schmidinger: Den Islamischen Staat einzubinden, wäre unmöglich, da gibt es einen Konsens. Auch zwischen dem IS und den anderen Rebellengruppen herrscht erbitterte Feindschaft. Schwierig bleibt, wie man mit dschihadistischen Gruppen wie der Al Nusra-Front und Ahrar al-Sham umgeht. Zwischen diesen Organisationen und gemäßigteren Gruppen gibt es nämlich mittlerweile sehr viele Kooperationen und Verbindungen.
Welche Rolle spielen die Kurden?
schmidinger: Die Kurden kontrollieren gemeinsam mit ihren Verbündeten von den säkulären Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) ein immer größer werdendes Gebiet im Norden. Wenn die Kurden ausgegrenzt werden würden, wäre ein wichtiger Spieler nicht mit am Tisch. Das wäre nicht besonders zielführend.
Strittig bleibt das Schicksal von Assad. Ist Frieden mit Assad möglich?
schmidinger: Die Regierung bleibt wohl in Teilen an der Macht. Ob das mit oder ohne Assad passiert, ist meines Erachtens immer noch offen. Dass die Regierung Teil der Nachkriegsordnung sein wird, ist mittlerweile aber den meisten Akteuren klar. Falls es eine Nachkriegsordnung gibt.
Zur Person
Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter an der Universität Wien. Der Nahost-Experte ist einer der Vortragenden bei der heute stattfindenden Veranstaltung “Solidarität leben und Türen öffnen für einen Lebensstil mit Würde” an der FHV.