Radikalisierung im Chat

04.05.2018 • 20:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Faszination Dschihad: Radikalisierung könne grundsätzlich überall auftreten, nicht nur im urbanen Raum, sagt Kiefer. RTs
Faszination Dschihad: Radikalisierung könne grundsätzlich überall auftreten, nicht nur im urbanen Raum, sagt Kiefer. RTs

Warum wenden sich Junge dschihadistischen Gruppen zu? Dazu forscht Michael Kiefer.

bregenz Der deutsche Islamwissenschaftler Michael Kiefer hat das Phänomen Radikalisierung anhand von WhatsApp-Gruppenchats analysiert. Im VN-Interview erläutert der Experte, der im Rahmen des internationalen Symposiums Kindheit, Jugend und Gesellschaft in Bregenz war, warum es auch nach der militärischen Niederlage der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) noch keine Entwarnung in Deutschland und Österreich gibt.

 

Was haben Sie anhand der WhatsApp-Chats über den Radikalisierungsprozess herausgefunden?

kiefer Die Chatprotokolle können keinen Einblick in das gesamte Radikalisierungsgeschehen geben, sondern zeigen nur Ausschnitte. Aber wir wissen mittlerweile einige Dinge über den Prozess: Erstens dauert er zwischen ein und drei Jahre, passiert also nicht blitzartig. Zweitens handelt es sich um ein interaktives Geschehen zwischen mehreren Akteuren, die sich schon länger kennen, teilweise sind sie miteinander verwandt. Es bilden sich also Gruppen. Und zum Dritten spielen eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle. Man kann also nicht einfach sagen, die Religion ist schuld. Sie ist ein Faktor, aber mitunter nicht der Entscheidende. Sobald die jungen Menschen aber in diesen Gruppen drinnen sind und anfangen, sich abzuschotten, sinken zudem die Möglichkeiten für präventives, pädagogisches Handeln.

 

In Ihrer Untersuchung waren die Jugendlichen in der Chatgruppe eher religionsfern.

Kiefer Ja. Jene Gruppe, die wir untersucht haben, stammt größtenteils aus weniger religiösen Elternhäusern. Es kommt aber immer darauf an, welche Gruppe betrachtet wird. Es gibt nicht ein einziges Schema von Radikalisierung, sondern unterschiedliche Schemata für unterschiedliche Gruppen. Mit Pauschalurteilen muss man vorsichtig sein.

 

Ist Radikalisierung eher ein Phänomen großer Städte?

Kiefer Radikalisierung kann grundsätzlich überall auftreten. Es ist kein rein urbanes Phänomen. Die Szene ist mobil. Akteure sind einmal hier, einmal dort. In Städten leben  natürlich mehr Menschen, deswegen gibt es auch ein größeres Radikalisierungspotenzial. Ich kenne mich in Österreich nicht sehr gut aus. Wien hat aber mit Sicherheit eine andere Belastung als Bregenz.

 

Spielt es auch eine Rolle, wie wohlhabend die Region ist, in der die Jugendlichen leben?

kiefer Das kommt wiederum auf die jeweilige Gruppe an. Bei einer gewissen Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt und gescheiterten Bildungsbiographien lassen sich die Menschen sicher leichter von Extremisten ansprechen. Die sagen dann: Ihr kriegt hier kein Bein auf den Boden, kommt zu uns. In prosperierenden Regionen ist die Wahrscheinlichkeit, einen guten Arbeitsplatz zu bekommen, höher. Die Paris-Attentäter stammen auch nicht aus einer Villengegend, sondern aus hochsegregierten Wohnmilieus.

 

Wo muss Prävention ansetzen?

kiefer Dort, wo wir am ehesten noch alle im Blick haben. Das ist ganz klar die Schule. Wenn wir den Schülern eine gewisse Achtsamkeit und Wachsamkeit entgegenbringen, halte ich es für möglich, negative Entwicklungen zu bemerken und rechtzeitig gegenzusteuern.

 

Der IS ist in Syrien und dem Irak stark zurückgedrängt worden. Wie wirkt sich das auf die Salafistenszene in Deutschland und Österreich aus?

kiefer Natürlich hat die militärische Niederlage des IS und das Scheitern des sogenannten Kalifats eine stark demoralisierende Wirkung. Meines Erachtens wächst die Salafistenszene hierzulande langsamer als in den letzten Jahren, ich würde sogar die Prognose wagen, dass sie langfristig kleiner wird. Das bedeutet aber keine Entwarnung. Früher sind die Radikalen ausgereist, um im Ausland zu kämpfen. Die meisten bleiben nun hier. Dadurch ergeben sich ganz neue Probleme. 

Zur Person

Michael Kiefer

Geboren 1961, ist ein deutscher Islamwissenschaftler und Publizist. Der 57-Jährige lehrt am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück (Niedersachsen) und gilt als Experte für Radikalisierungsprävention.