Brutaler Anschlag auf Moscheen

Politik / 15.03.2019 • 22:42 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Polizei riegelte das Zentrum von Christchurch zwischenzeitlich ab. Sie appellierte an die Bevölkerung, insbesondere an Muslime, zu Hause zu bleiben. reuters, AP
Die Polizei riegelte das Zentrum von Christchurch zwischenzeitlich ab. Sie appellierte an die Bevölkerung, insbesondere an Muslime, zu Hause zu bleiben. reuters, AP

Weltweites Entsetzen nach rechtsextremem Terrorakt in Neuseeland mit 49 Todesopfern.

christchurch Bei einem mutmaßlichen Terrorangriff auf zwei Moscheen in Neuseeland sind am Freitag mindestens 49 Menschen getötet worden. Mehrere Dutzend muslimische Gläubige mussten in der Stadt Christchurch mit teils schweren Schussverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Als mutmaßlicher Haupttäter wurde ein 28-jähriger Australier festgenommen. Er soll am Samstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Zudem gab es zwei weitere Festnahmen. Die Bluttat löste weltweit Entsetzen aus.

Furcht vor weiteren Attacken

Viele Menschen in Neuseeland reagierten geschockt. Premierministerin Jacinda Ardern stufte die Attacken als Terrorismus ein. Sie sprach von einem terroristischen Angriff und einem der dunkelsten Tage in der Geschichte des Landes. Über die Opfer der Anschläge sagte sie: „Dies ist ihr Zuhause. Sie gehören zu uns. Die Person, die diesen Gewaltakt ausgeführt hat, gehört nicht zu uns.“ Aus Sorge vor weiteren Angriffen wurden die Sicherheitsvorkehrungen vor anderen Moscheen verschärft. Mit etwa 50.000 Gläubigen sind Muslime im 4,8-Millionen-Einwohner-Land Neuseeland eine kleine Minderheit. Viele sind Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. Größte Religionsgruppe in Neuseeland ist das Christentum.

Der Angriff begann gegen 13.45 Uhr (1.45 Uhr MEZ) in der Al-Noor-Moschee, die in der Innenstadt liegt. Zur Zeit des Freitagsgebets drang ein bewaffneter Mann in die Moschee ein und schoss mit einer Schnellfeuerwaffe um sich. In dem Gebäude hielten sich nach Augenzeugenberichten etwa 300 Menschen auf. Auf seinem Kopf trug der Mann eine Helmkamera. Die Bilder, die er übertrug, waren dann auch längere Zeit im Internet zu sehen.

Die Polizei fand in dem Gotteshaus und davor insgesamt 41 Leichen. Einige Zeit später fielen dann auch in einer anderen, etwa sechs Kilometer entfernten Moschee Schüsse, ebenfalls in Christchurch. Dabei gab es nach Angaben der Polizei mindestens sieben Tote. Ein Verletzter starb später im Krankenhaus. Die Polizei wollte sich nicht näher dazu äußern, ob es sich um denselben Attentäter handeln könnte. Der genaue Ablauf der Tat war auch nach Stunden noch nicht geklärt. 48 Menschen wurden mit Schusswunden in Krankenhäuser gebracht.

Der mutmaßliche Haupttäter wurde später von Beamten in seinem Auto gestoppt. Zwei weitere Verdächtige, die ebenfalls im Besitz von Schusswaffen waren, wurden festgenommen. Eine vierte Person kam wieder auf freien Fuß. Nach Polizeiangaben wurden an Autos auch Sprengsätze entdeckt. Aus Angst vor weiteren Angriffen blieben Schulen und andere öffentliche Gebäude in der Stadt stundenlang verriegelt. Die Polizei appellierte an die Bevölkerung, insbesondere an Muslime, zu Hause zu bleiben. Ein Sprecher sagte: „Unter keinen Umständen sollte irgendjemand im Land jetzt zu einer Moschee gehen.“ Erst am Abend entspannte sich die Lage wieder.

74-seitiges Manifest

Der australische Premierminister Scott Morrison bestätigte, dass einer der Verdächtigen Australier ist. Er sprach von einem „rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen“. Im Internet kursiert auch ein 74-seitiges Manifest, das von dem mutmaßlichen Täter stammen soll. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht dazu, ob sie es für echt hält. Die Stadt Christchurch hat mehr als 350.000 Einwohner und liegt auf der Südinsel des Pazifikstaats. Bürgermeisterin Lianne Dalziel sagte: „Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann.“ Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen verurteilte die Tat scharf. „Die Terrorattacke in Christchurch ist eine schreckliche und barbarische Attacke auf Menschen, die beten wollten.“ Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich entsetzt. „Mein herzliches Beileid gilt den Verletzten, den Familien der Opfer und dem neuseeländischen Volk.“

„Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann.“

Der genaue Ablauf der Tat war auch nach Stunden noch nicht geklärt. Der mutmaßliche Haupttäter wurde festgenommen.
Der genaue Ablauf der Tat war auch nach Stunden noch nicht geklärt. Der mutmaßliche Haupttäter wurde festgenommen.

Chronologie

Gewalt gegen Gläubige

Dezember 2017 Bei einem Angriff auf eine koptische Kirche in einem Vorort der ägyptischen Hauptstadt Kairo erschießt ein Anhänger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) neun Menschen.

November 2017 Während eines Gottesdienstes in der texanischen Landgemeinde Sutherland Springs erschießt ein Amokläufer 26 Menschen, 20 weitere werden verletzt.

Juni 2017 Ein 48-Jähriger fährt mit einem Lieferwagen in eine Menge von Gläubigen vor der Moschee von Finsbury Park in Nordlondon. Ein Mensch wird getötet, zwölf weitere verletzt. Der Täter handelt aus persönlichem Hass auf Muslime. Er wird im Februar 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt.

April 2017 Bei Bombenanschlägen auf zwei koptische Kirchen in Ägypten werden am Palmsonntag 45 Menschen getötet. Die IS-Miliz reklamiert die Taten für sich.

Jänner 2017 Bei einem Anschlag auf eine Moschee im kanadischen Québec werden sechs Gläubige erschossen. Der Täter, ein 29-jähriger Politikstudent, stellt sich der Polizei. Wegen „tiefen Hasses auf Muslime und Einwanderer“ wird er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dezember 2016 Bei einem Selbstmordanschlag während der Sonntagsmesse werden in einer koptischen Kirche im Zentrum von Kairo 29 Gläubige getötet. Der IS bekennt sich zu der Tat.