Die Pflege im Verborgenen

Eine tragende Säule des Pflegesystems sind Angehörige. Beim Pflegeforum wurde der Ruf nach Unterstützung laut.
Wien Wir alle könnten betroffen sein, morgen schon. Wir könnten zu Pflegebedürftigen werden oder zu Pflegenden. „Wir versuchen das zu verdrängen und hoffen, dass uns dieses Schicksal nie ereilt“, sagt Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der Interessensgemeinschaft für pflegende Angehörige. Sie steht auf der Bühne im Wiener „Studio 44“, wo am Donnerstag das Pflegeforum des Sozialministeriums stattgefunden hatte; ein Erfahrungsaustausch mit Politikern, Forschern, Pflegenden und Pflegekräften. Eines wird offensichtlich: Pflegende Angehörige benötigen mehr Unterstützung, ob finanziell, beratend oder professionell.
Anton Prager ist ein Betroffener. Noch schaffe er es alleine, seine Frau zu pflegen: „Wie lange, weiß ich nicht, bin ich doch schon 72.“ Prager wusste von Beginn an, wo er um welche Form der Unterstützung bitten kann: „Aber nur, weil ich das Sozial- und Gesundheitssystem aus beruflichen Gründen wie meine Westentasche kenne.“ Ihm bereite es Sorgen, dass nicht alle Pflegenden von den Möglichkeiten wüssten, die zur Verfügung stünden.
Längst ist unbestritten, dass für Angehörige mehr getan werden muss. Kostenlose Gespräche gehörten ausgebaut, sagt Meinhard-Schiebel. Niederschwellige Informationen und Wissen anzubieten, wäre ebenso Teil der Wertschätzung wie eine regelmäßige Wertanpassung des Pflegegeldes. Laut den Plänen der Bundesregierung soll das Pflegegeld im kommenden Jahr ab Stufe vier um ein Prozent steigen, alles was darüber hinausgeht, ist laut ÖVP und FPÖ eine Frage des Budgets. Weitere Schritte würden im Dezember vorgestellt. Die Regierungsparteien verweisen im Sozialausschuss darauf, vor allem Angehörige entlasten und das Pflegesystem finanziell absichern zu wollen.
Eine private Pflegeversicherung wird von allen Seiten ausgeschlossen. Es solle entweder ein steuerfinanziertes System oder eines ähnlich der Sozialversicherung geben, erklärt Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ). Die Vorarlberger Landesrätin Katharina Wiesflecker (Grüne) kann sich ein Mischsystem aus beiden Komponenten vorstellen, inklusive einer für die Pflege zweckgebundene Schenkungs- und Erbschaftssteuer. Pflegende Angehörigen bräuchten nicht nur arbeits- und pensionsrechtliche Ansprüche sowie Pflegeurlaub und -karenz. Es sei auch ein Betreuungsnetz nötig – von der Hauskrankenpflege über Tagesbetreuungen bis zum Mobilen Hilfsdienst, sagt Wiesflecker: „Ich arbeite gerade daran, mehr Anstellungen für die Mohi zu organisieren.“ Sie erklärt außerdem, dass die Länder dafür zuständig seien, ein leistbares, flächendeckend zugängliches Angebot zu schaffen. Der Bund sollte im Gegenzug das Pflegegeld und den Zuschuss zur 24-Stunden-Betreuung erhöhen. Pflegende Angehörige gehörten gesamthaft unterstützt; sozialrechtlich, finanziell und personell. Künftig will die IG Pflege dieser Forderung mit einem eigenen Aktionstag Nachdruck verleihen. Der 13. September soll ein Zeichen setzen, für jene – fast eine Million – Menschen, die in Österreich ihre Angehörigen pflegen, sagt IG-Präsidentin Meinhard-Schiebel: „Sie pflegen im Verborgenen. Doch wir alle kennen sie. Es sind unsere Nachbarn, Freunde, Kollegen…“