Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Türkise Schildkröte & harmlose Gegner

Politik / 09.09.2019 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die türkise Schildkröte hat schon ein paar Löcher im Panzer, man möchte dringend den Tierarzt rufen. Vor Ibiza schienen Sebastian Kurz’ Truppen ja meist wie in einer römischen Testudo-Formation (lateinisch für Schildkröte) unterwegs, diese militärische Taktik des römischen Heeres diente schon einst dem geschützten Vorgehen auf befestigte Stellungen. Die Legionäre der ersten Reihe hielten ihre Schilde nach vorne, die Reihen dahinter über ihre Köpfe, die Testudo gab also Deckung nach allen Seiten, so konnte man sich auch unter dem Beschuss der Gegner elegant gepanzert vor bewegen. Die komplexe Formation konnte nur von besonders disziplinierten Soldaten ausgeführt werden, weil man sie bei einem Beschuss aus der Ferne bilden und bei einem Angriff aus der Nähe wieder rechtzeitig auflösen musste.

„Die derzeitige Schwäche des Sebastian Kurz wird jedenfalls nicht automatisch zur Stärke der anderen.“

Seit Ibiza und den Folgen davon (Verlust der Regierungsmacht) funktioniert die türkise Schildkröte nicht mehr in gewohnter Präzision, als wüsste man gerade nicht, wann man den Panzer schließen und wieder öffnen sollte. Sebastian Kurz und seine Leute haben ihre zuvor große innere Sicherheit verloren. Und dennoch schaffen die politischen Konkurrenten es seit Juni nicht, die Schwachstellen der türkisen Partei effektiv zu nutzen, man erfreut sich offenbar vor allem an deren Problemen: Hahaha, was ist jetzt mit eurer tollen „Message Control“? Das ist eine eher harmlose Strategie, aber bitte.

Wenn die Volkspartei nun etwa mit Recherchen zu Unterlagen über ihre Wahlkampfkosten oder Nicht-Wahlkampfkosten ringt, sich in einen unsouveränen Kleinkrieg mit Medien verzettelt und öffentlich mutmaßliche Cyberangriffe beklagt – dann ist das auch Ausdruck einer tiefen Verunsicherung der Partei-Strategen. Man wundert sich manchmal beim Zusehen, wie wenig die politische Konkurrenz daraus für sich macht, auch wenn SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner zuletzt etwas angriffiger auftritt. Ins Kanzleramt hat sich bisher ja kaum jemand nur hineincharmiert.

Vielleicht haben die anderen sich innerlich schon zu sehr mit manchen Zahlen abgefunden: Die ÖVP liegt in dem Umfragen trotz aller Holprigkeiten noch weit vorne, 2017 haben knapp 58 Prozent der Wähler für Türkis und Blau gestimmt. Im Sozialsystem sparen, die Wirtschaft stärken und immer auf die Einheimischen zuerst schauen: das ist ein Kurs, der wohl noch immer große Zustimmung in diesem Wählerbereich findet.

Die anderen Parteien sollten sich also fragen: Welche Konzepte haben wir, die wir nun auch klar als Gegenentwürfe zur ehemaligen Regierung vermitteln können? Wie stark sind unsere eigenen Führungsfiguren? Die derzeitige Schwäche des Sebastian Kurz wird jedenfalls nicht automatisch zur Stärke der anderen.

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt