Vorarlberg zeigt Schweiz die kalte Schulter

Politik / 21.09.2019 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vorarlberg als Teil der Schweiz? Kantonsrat Sailer kann sich das gut vorstellen. APA

St. Galler Politiker will Vorarlberg als Teil des Nachbarlands sehen. Ablehnende Reaktionen im Land.

Bregenz Wir schreiben das Jahr 1919: Eine überwältigende Mehrheit von 81 Prozent der abstimmenden Vorarlberger sprach sich in einer Volksabstimmung für Beitrittsverhandlungen mit der Schweiz aus. Nur 19 Prozent waren dagegen. Die Republik Deutsch-Österreich war damals erst vor kurzem ausgerufen worden, das Land von den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs gezeichnet. Das Vertrauen, dass der kleine Staat überleben könnte, war gering. Die Siegermächte unterstützten in den Friedensverhandlungen das Vorarlberger Ansinnen allerdings nicht, auch die Schweiz zeigte wenig Interesse. Vorarlberg wurde zum „übrigen“ Kanton – so die spöttisch-abfällige Bezeichnung, die sich teilweise bis heute gehalten hat.

„Dieselbe Sprache und ähnliche Kultur“

Könnte nun doch alles anders werden? Wir schreiben das Jahr 2019. Aus der Schweiz kommt völlig überraschend ein Vorstoß, Vorarlberg zum 27. Kanton zu machen. Der sozialdemokratische Kantonsrat Martin Sailer hat eine entsprechende Anfrage an die St. Galler Regierung eingebracht. Die Schweiz solle Vorarlberg als Kanton aufnehmen, heißt es darin. „Oder noch besser: St. Gallen fusioniert mit Vorarlberg.“ Zumindest eine „flächendeckende Diskussion“ wolle er damit anstoßen, erklärt Sailer. Er begründet den Vorstoß mit nicht repräsentativen Umfragen auf Vorarlberg Online und Antenne Vorarlberg, bei denen eine Mehrheit einen Zusammenschluss mit der Schweiz befürwortete. „Dem Kanton St. Gallen täten mehr visionäre Ideen und vielleicht auch ‚Spinnereien‘ gut“, ist sich der Kantonsrat sicher. Und immerhin hätte Vorarlberg dieselbe Sprache und eine sehr ähnliche Kultur. Nun solle die Kantonsregierung erläutern, wie sie zu dem Plan stehe und welche nächsten Schritte man diesbezüglich setzen könnte.

Die Wiener Gratiszeitung „Heute“ titelte bereits mit: „Die Schweiz will uns Vorarlberg wegnehmen.“ Auch in der Landespolitik kommt der Vorstoß nicht gut an. Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) wollte sich auf VN-Anfrage zur Thematik zwar nicht äußern. Der ÖVP-Klubobmann im Landtag, Roland Frühstück, meinte jedoch „Ist denn schon der erste April?“ Er finde es schon sehr spannend, wie man auf so einen Vorstoß kommen könne. „Wir sind eine tolle Region am Bodensee und fühlen uns zu Österreich und zur Europäischen Union zugehörig.“ Ähnlich äußerte sich Landesrat Johannes Rauch (Grüne). „Ich halte das für einen Scherz.“ Vorarlberg arbeite in vielen Fragen sehr gut mit den Kantonen St. Gallen und Graubünden zusammen. Doch ein Beitritt zur Schweiz komme nicht in Frage. Vielmehr dreht Rauch den Spieß um: „Ich würde es begrüßen, wenn die Schweiz Beitrittsverhandlungen mit der EU aufnehmen würde.“

Sorry, Schweiz! So einfach wie vor 100 Jahren sind wir leider nicht mehr zu haben.

Harald Köhlmeier, Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbands

Harald Köhlmeier, Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbands, reagiert mit einem Augenzwinkern. „Als mich diese Nachricht von unseren Nachbarn erreicht hat, habe ich mich zunächst 100 Jahre zurückversetzt gefühlt“, so Köhlmeier zu den VN. „Angekommen in der Gegenwart, kann ich den Vorstoß des St. Gallener Kantonsrates verstehen. Vorarlberg ist mittlerweile nicht nur eines der schönsten, sondern auch eines der wirtschaftlich erfolgreichsten und in vielerlei Hinsicht innovativsten Länder überhaupt.“ Dies sei in erster Linie Ergebnis eines eigenständigen Vorarlberger Weges, der aus der Not der Kriegswirren heraus geboren worden und nicht mehr aus der Identität des Landes wegzudenken sei. „Deshalb: Sorry, Schweiz! So einfach wie vor 100 Jahren sind wir leider nicht mehr zu haben.“

Magdalena Raos und Tony Walser