Der Fluchthelfer

Politik / 07.11.2019 • 22:34 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Mit Christiane ist Graf noch heute in Kontakt. Nina (l.) im Kindergarten mit „Tante Franzi“. Wieder­sehen: Graf, Christiane und der ungarische Zöllner.
Mit Christiane ist Graf noch heute in Kontakt. Nina (l.) im Kindergarten mit „Tante Franzi“. Wieder­sehen: Graf, Christiane und der ungarische Zöllner.

Wie ein Vorarlberger einer ostdeutschen Familie bei der Flucht aus der DDR half.

Bettina Maier-Ortner

Schwarzach, Wien 30 Jahre ist es her, dass am 9. September den damals 38-jährigen Wolfgang Graf in Wien ein Anruf erreicht. Das neue Schuljahr hat für den AHS-Lehrer gerade begonnen. Am anderen Ende war Christiane S. (28), seine ostdeutsche Brieffreundin. Das Gespräch zu rekapitulieren fällt ihm nicht leicht. Die Tragweite der Handlungen war ihm damals nicht bewusst. Ihre Briefe, die der gebürtige Dornbirner über Jahre erhalten hatte, sind gegenwärtiger. Graf hat sie bis heute aufgehoben. Er hat sich vorgenommen sie wieder zu lesen. Kennengelernt haben sie sich Anfang der 1980er-Jahre am Bahnhof in Dresden, als Graf auf der Reise nach Leipzig war. Sie kamen in der Wartehalle ins Gespräch. „Wir haben uns gut unterhalten, anschließend Adressen ausgetauscht. Ich würde sagen, dass wir uns ein wenig verliebt haben. Zu der Zeit haben Ostdeutsche gerne Kontakt zu Westlern aufgenommen.“ Aus dem Kennenlernen entwickelte sich eine romantische Brieffreundschaft, die bis zum Mauerfall 1989 andauerte.

Schreiben und Treffen

„Das Interesse war groß. Wir haben uns regelmäßig geschrieben. Der Austausch war intensiv, etwas Besonderes. Ich war sehr neugierig, denn die DDR war für mich ein exotisches Land. Mich interessierte wie das Leben dort aussieht. Wie lebt die Frau? Sie hat mir von ihrem Leben erzählt. Christiane legte ihre Sehnsüchte nach Freiheit in diese Briefe, dass sie reisen, nach Wien will.“ Sie war eine junge Frau, die die Welt sehen wollte und nicht durfte. „In ihren Briefen las ich viel Wehmut. Ich kann gar nicht mehr sagen, wann das war, aber irgendwann schrieb sie, dass sie verheiratet ist. Sie hat früh geheiratet. Ich habe das mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Ich war da eher der Gegenentwurf. Der autonome Freigeist, der frei sein konnte. Wir waren sehr gegensätzlich.“

Eine Gemeinsamkeit war die österreichische Literatur, die in der DDR große Beliebtheit genoss. „Wir haben uns über Werke von Joseph Roth und Arthur Schnitzler geschrieben.“ Fluchtgedanken äußerte die Dresdnerin in den Briefen nicht. „Das System DDR schien in dieser Zeit stabil, da hätte ich nie daran gedacht.“ Dreimal trafen sie sich in Prag. Für die Dresdnerin war es möglich in den Bruderstaat Tschechoslowakische Republik zu reisen. „Bei einem Treffen hat sie mich zusammen mit acht meiner Freunde, darunter ihrem späterer Mann Georg, durch Prag geführt. In Gesprächen hörte ich heraus, dass der Weg in die BRD aus ihrer Sicht unmöglich schien, jedoch Österreich zu ihren Sehnsuchtsländern gehörte.“ Der Briefkontakt wurde mit der Geburt ihrer Tochter Nina 1984 seltener. Sie lebten zwei sehr unterschiedliche Leben, getrennt durch die Mauer. Christiane hatte in der DDR einen Ausreiseantrag gestellt und wurde daher von der Stasi immer wieder zu Gesprächen geladen. Beruflich gab es dadurch für die junge Frau keine Perspektive mehr. 

September 1989

„Christiane hat mir geschrieben, dass sie mit ihrer Tochter und ihren Eltern zum Urlaub am Plattensee in Ungarn ist. In den späteren Anruf am 9. September habe ich nichts hineininterpretiert.“ Ihr Ehemann war nicht dabei. „Gerüchte über eine Lockerung der Grenze in Ungarn zu Österreich gab es unter den politisch interessierten DDR-Bürgern bestimmt. Zumindest haben sich in der Gegend sehr viele DDR-Bürger versammelt, was schon einzigartig war.“ Dass es in den Ostblockstaaten durch Gorbatschows Glasnost und Perestroika Veränderungen gibt, war ihm als an Politik Interessiertem klar. Ironie der Geschichte: Er lieh sich den roten VW-Käfer eines Freundes, der überzeugter Kommunist war. „Ich war einen Tag in der Ferienwohnung der Familie am Plattensee. Die Familie konnte am Balaton österreichisches Radio empfangen und kam an alle Informationen, die im Umlauf waren. Christiane wusste dadurch, das am nächsten Tag die Grenze ein erstes Mal aufgehen könnte. Am nächsten Morgen, es muss der 10. September gewesen sein, sagte Christiane, dass sie mit ihrer Tochter mit nach Wien möchte, sie wisse ja nicht wie lange die Grenzen offen sein werden. Sie wollte diese einzigartige Gelegenheit nutzen.“

Mit ihrer Flucht hatte sie ihre nicht mehr funktionierende Ehe beendet. „Die Tragweite der Entscheidung zeigte die Reaktion ihrer Eltern, die fast in Ohnmacht gefallen sind. Ich stand inmitten eines Familiendramas, denn die Eltern wollten mit allen Mitteln verhindern, dass Christiane und die vierjährige Nina mitkommen. Ich habe gemeint, dass ich jetzt spazieren gehe, sie das bitte klären sollen, mein Auto noch drei Plätze habe und dass ich jeden mitnehme, aber abreisen müsse. Die Eltern fürchteten, dass sie ihre Tochter und Enkeltochter nie mehr wieder sehen werden. Ihre Mutter hat nur geweint. Es waren biedere, gut situierte, gebildete Menschen, die fast vor mir kollabierten.“ Die Flucht zu wagen, hat Christiane auch mit einer gewissen Härte gegenüber ihren Eltern durchgesetzt.

Chance nutzen

Ungarn öffnet in der Nacht zum 11. September für DDR-Bürger die Grenze zu Österreich. Zehntausende reisen in den nächsten Wochen über Österreich in die Bundesrepublik aus. „Wir sind in einem kleinen Tross von Autos gefahren, um kurz nach Mitternacht sind wir über die Grenze. Soweit ich mich erinnere, über den Übergang Klingenbach/Sopron und sind uns in dieser skurrilen Szene um den Hals gefallen. Um 2 Uhr nachts kamen wir in meiner Wohnung an. Ich habe Christiane und Nina bei mir wohnen lassen. Ich bin ein WG-Mensch und helfe gerne. Zwei Tage später waren ihre Eltern bei mir in Wien. Ihre Mutter hat geweint. Ihre Eltern waren eher materiell, an Sicherheit orientiert. Ihnen war bewusst, was sie zurücklassen, ihr Besitz nun, war ihr Auto. Christiane war glücklich mit Nina in Wien zu sein. Ich habe in kürzester Zeit mit ihr für Nina einen Platz in einem Kindergarten gefunden. Sie ist ein wunderbares Kind. Christiane hatte in der DDR Verfahrenstechnik studiert, hier ein exotischer Beruf für Frauen. Auf der TU Wien haben die Professoren gestaunt und sie sogleich angestellt.“

Flucht aus der DDR

Die innerdeutsche Grenze zu überwinden war für DDR-Bürger nach dem Mauerbau nur unter großen Gefahren möglich. Zurückgebliebene Familienmitglieder wurden von der Stasi stigmatisiert, drangsaliert. Dennoch nahmen zahlreiche Ostdeutsche dieses Wagnis auf sich. Bis zum Mauerfall gelingt mindestens 5075 DDR-Bürgern unter Lebensgefahr in und um Berlin die Flucht durch die Sperranlagen in den Westteil der Stadt. Wie viele Fluchten gescheitert sind, ist nicht bekannt.

Zur Person

Wolfgang Graf

unterstützte eine ostdeutsche Familie bei der Flucht über Ungarn nach Wien.

Geboren 26. Juli 1951

Ausbildung AHS-Lehrer i. R. (Deutsch, Politik, Geschichte)

Hobbys Reisen, Sprachen

Familie eine Tochter, in Beziehung