Schönborn wird 75: „Nicht irgendein Kardinal“

Politik / 18.01.2020 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Seit bald 25 Jahren ist Christoph Schönborn Erzbischof von Wien. Seit 1998 ist er Kardinal. APA

Pastoraltheologe Zulehner zählt den Vorarlberger zu den großen Vertretern der Weltkirche.

Johannes Huber

WIEN Auf die Pension muss Kardinal Christoph Schönborn wohl noch länger warten. Gut, er wird am 22. Jänner 75 und hat auch schon ein Rücktrittsgesuch nach Rom geschickt. Der Pastoraltheologe Paul Zulehner (80) hält es jedoch für ausgeschlossen, dass es angenommen wird: „Das wäre eine Kränkung. Wer es gut gemacht hat, wird verlängert. Allein schon, um das zum Ausdruck zu bringen.“ So werde das wohl auch bei Schönborn sein: „Zumal er nicht irgendein Kardinal ist, sondern einer der angesehensten der Weltkirche“, wie Zulehner im Gespräch mit den VN betont.

Seit bald 25 Jahren ist Christoph Schönborn Erzbischof von Wien. In gewisser Weise ist das auch kirchengeschichtlich eine Ewigkeit: Zunächst waren fast zwei von drei Einwohnern der Stadt katholisch, heute ist es nur noch jeder dritte. Sein Amt übernommen hat Schönborn von Hans Hermann Groer. Gemeinsam mit Kurt Krenn steht dieser für eine Krise, von der sich die Kirche nicht mehr erholt hat.

Bei Groer ging es um Verwürfe, er habe minderjährige Buben sexuell missbraucht. Während er jedoch schwieg, reagierte Schönborn in einer Art und Weise, die laut Zulehner wegweisend für viele vergleichbare Fälle wurde, die in der Kirche noch folgen sollten: „Er hat eine Ombudsstelle eingerichtet, bei der sich jeder melden konnte. In anderen Ländern sind solche Stellen, wenn überhaupt, erst viele Jahre später gekommen.“

Lösung für Geschiedene

Doch Schönborn machte sich auch darüber hinaus einen Namen: Unter Führung von Karl Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., arbeitete er am 1992 veröffentlichten Katechismus der katholischen Kirche mit: „Das gilt heute noch als modernes Kompendium christlichen Glaubens“, analysiert Zulehner. Und in der Familiensynode sei es Schönborn später wiederum gelungen, eine Lösung für wiederverheiratete Geschiedene durchzusetzen, die sein Vor-Vorgänger als Kardinal, Franz König, schon 1980 entwickelt hatte. Solche Leute können demnach zur Kommunion zugelassen werden.

Zuletzt hat sich Christoph Schönborn auch bei der Amazonassynode engagiert. Zu früh, ist Zulehner überzeugt: Nach einer schweren Operation hätte er mehr Ruhe gebraucht. Ende des vergangenen Jahres erlitt der Kardinal einen Lungeninfarkt.

Diese Synode widmete sich einem Problem, das auch Schönborn zu schaffen macht: Priestermangel. In Wien entstehen aus vielen kleinen Pfarren welche, die gut und gerne 50.000 Einwohner haben. Laut Zulehner kann das nicht gut gehen. Er hofft jedoch, dass sich das abwenden lässt. Und zwar durch die Amazonasmethode: Geeignete Gemeindemitglieder könnten demnach zum Priester geweiht werden.

Die schrumpfende Kirche bringt nach Einschätzung des Pastoraltheologen nicht nur Nachteile mit sich. Ein Vorteil: „Sie war über Jahrzehnte hinweg hochmütig. Das hat sie verloren und ist mehr und mehr auf die Seite der Armen gewechselt.“ Bezeichnend dafür ist für Zulehner, dass auch Schönborn immer wieder im Sinne der Kleinen deutlich wird. Wenn Flüchtlinge systematisch in ein schiefes Licht gerückt werden, bestehe Gesprächsbedarf, kritisierte er im April 2019 etwa den Kurs der damaligen Regierung: Asylwerber würden „unter Generalverdacht gestellt“, aber die meisten seien „vor Krieg und Tod geflüchtet und traumatisiert“.