Keine Spur von Frauenrechten

Nach der Vorstellung der Regierung zeichnen sich bei den Taliban politische Prioritäten ab.
Kabul Seit ihrer Machtübernahme in Afghanistan geben sich die Taliban betont moderat. Doch spätestens seit der Vorstellung ihrer Interimsregierung in dieser Woche gibt es erhebliche Zweifel, ob die Islamisten zur Achtung grundlegender Menschenrechte bereit sind. Anstelle des versprochenen „inklusiven“ Kabinetts hat Afghanistan eine Regierung, die ausschließlich aus Männern mit langjähriger Talibankarriere besteht. Die konkrete Politik der Taliban bleibt vage. Ein Überblick.
Frauenrechte. Der Westen pocht auf die Einhaltung der grundlegenden Menschenrechte in Afghanistan, und macht insbesondere die Gewährung von Frauenrechten zur Voraussetzung für eine Fortsetzung wirtschaftlicher Hilfen. Während ihrer Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001 hatten die Taliban Frauen massiv unterdrückt. Die neue Talibanführung hat eine weniger strikte Auslegung des islamischen Rechts zugesagt. Laut einem Dekret sollen Frauen „im Einklang mit den Prinzipien des Islam“ arbeiten dürfen. Was dies genau bedeutet, bleibt jedoch unklar. Es wurden bereits Klagen von Frauen in Afghanistan laut, dass ihnen für ihre Arbeit einfach kein Lohn mehr ausgezahlt werde. Anspruch auf eine Hochschulbildung sollen Frauen ebenfalls haben. Allerdings soll die universitäre Lehre nach Geschlechtern getrennt erfolgen. Zudem müssen Frauen an der Uni eine Abaya, ein islamisches Überkleid, tragen und ihr Gesicht mit einem Nikab verschleiern. Auch das Treiben von Sport ist ihnen weitgehend verboten.
Presse- und Meinungsfreiheit. Die Taliban haben angekündigt, dass Journalisten ihrer Arbeit weiterhin nachgehen dürften. Afghanische Journalisten zeichnen ein anderes Bild. Am Mittwoch wurden die Journalisten Nemathullah Nakdi und Taki Darjabi von Talibankämpfern brutal zusammengeschlagen, nachdem sie von einer Demonstration in Kabul berichtet hatten. Die freie Meinungsäußerung für Bürger ist bereits offiziell stark beschnitten: Am Mittwoch erließen die Taliban ein Protestverbot. Talibansprecher Mujahid forderte die Medien auf, über Demonstrationen „nicht zu berichten“.
Kultur. „Musik ist im Islam verboten“, sagte Sabiullah Mujahid im August der „New York Times“. Demnach setzen die Taliban darauf, dass die Afghanen die neuen Regeln auch ohne Zwang umsetzen. Zuvor hatten die Taliban zugesagt, Kulturgut und historische Stätten in Afghanistan zu schützen. Auch an diesem Versprechen gibt es international Zweifel.
Sicherheits- und Drogenpolitik. Die Taliban haben allen, die gegen sie aufbegehren, ein hartes Vorgehen angedroht. Bekämpfen wollen sie nach eigenen Angaben zudem den regionalen IS-Ableger. Nach den Worten der Taliban soll Afghanistan überdies ein „rauschgiftfreies Land“ werden. Bisher ist das Land am Hindukusch der größte Opiumproduzent der Welt. Kritiker halten die Anti-Drogen-Rhetorik der Taliban für Makulatur.