Erschütterung über den Krieg: “Ich schäme mich für den russischen Teil in mir”

Valeria Rosenberger bangt um ihre Mutter in der Ukraine. Der Krieg fordert immer mehr Opfer.
Feldkirch Die Stimme von Valeria Rosenberger bricht immer wieder, wenn sie von ihrer Familie in der Ukraine erzählt. Ihre Mutter lebt alleine in einem kleinen Einfamilienhaus in Dnjipro. Die Enkelin der 71-Jährigen schaffte es aus dem naheliegenden Ort Nowomoskowsk nicht mehr zurück zu ihrer Oma. Die Studentin sei bei einer Kollegin untergekommen. „Hin und her zu fahren, ist einfach zu gefährlich“, erzählt Valeria Rosenberger. Wo ihr Bruder ist, weiß sie nicht. „Das darf ich auch nicht wissen.“ Er sei bei der Marine. „Ich bin schon froh, wenn ich nur ein Hallo höre.“ Zuletzt hatten sie am Morgen kurzen Kontakt. Auch ihre Mutter hört Valeria Rosenberger regelmäßig: Das jüngste Telefonat hätten sie aber auf Grund eines Luftschutzalarms abbrechen müssen.
„Alles zerschossen“
Russland treibt die militärische Offensive in der Ukraine weiter voran, stößt aber nach wie vor auf heftigen Widerstand. Die Kämpfe konzentrieren sich auf die südukrainische Stadt Cherson und nach wie vor auf die zweitgrößte Stadt des Landes Charkiw im Nordosten. Auch die Hafenstadt Mariupol lag unter Beschuss, aus Kiew wurden vereinzelte Angriffe gemeldet. Valeria Roseberger berichtet, dass in Charkiw die Halbgeschwister ihrer Mutter leben. „Sie befinden sich nur noch in den Kellern, weil die Hochhäuser von Raketen zerschossen wurden.“ Außerdem habe sie gehört, dass die russische Armee zum Teil ziellos auf Zivilisten schieße.
Der staatliche Notfalldienst der Ukraine meldete am Mittwoch, dass der russische Krieg in der Ukraine bereits mehr als 2000 zivile Menschenleben forderte. Die Opferzahl konnte von unabhängiger Seite noch nicht bestätigt werden. Die Vereinten Nationen haben 136 getötete Zivilisten registriert. Weder die Ukraine noch Russland berichteten, wie viele Soldaten bislang ums Leben kamen.

Valeria Rosenberger spricht von einer Aggression, die russischer Feigheit entstamme. Das erinnere sie an den deutsch-sowjetischen Krieg. „Uns wurde in der Schule eingeprägt, wie hinterlistig die Nazis waren. Sehr früh in den Morgenstunden, während alle noch friedlich und tief geschlafen haben – niemand hat was geahnt – überfiel Deutschland heimtückisch die Sowjetunion“, sei einer der Sätze aus den Geschichtsbüchern gewesen. Was Putin in der Ukraine mache, sei nichts anderes.

„Ich habe Angst“
Große Enttäuschung empfindet die Übersetzerin und Lehrerin auf Grund ihrer frühen russischen Bekanntschaften. Drei Jahre lang habe sie an einer Schule in Moskau unterrichtet. Ihre damaligen Freunde hätten sich nun von ihr abgewandt oder würden gar über die Ukraine spötteln. „Ich habe ja eigentlich selbst Wurzeln in Russland. Meine Mutter stammt aus Sibirien. Und ich habe immer stolz gesagt, dass ich Ukrainerin, Russin und Österreicherin bin. Jetzt schäme ich mich für den russischen Teil“, erzählt Valeria Rosenberger. Sie habe auch begonnen mehr ukrainisch zu sprechen, obwohl sie russischsprachig aufgewachsen sei. „Es kommt irgendwie von innen, dass ich nicht mehr russisch sprechen möchte.“ Der Krieg sei tiefgehend und schmerzhaft. „Ich habe einfach nur Angst. Ich bin besorgt, kann nicht schlafen und nichts essen.“ Am schlimmsten sei das Gefühl, nichts tun zu können.