Kolumne: Inwendig brenne ich

„Inwendig brenne ich“, sagte der brave Mann, als er die Schranktür öffnete und seine Frau dort sitzen sah, auf seinem Kamelhaarmantel.
„Da bist du“, seufzte er „ich habe dich überall gesucht, sogar im Keller.“
„Ich habe dich auch nicht gefunden und mir war so kalt“, sagte sie.
Der Schrank hatte Platz für zwei so schmale Menschen, und so setzte er sich zu ihr und drückte sich an sie. Sie legten den Mantel über ihre Schultern.
„Inwendig brenne ich“, sagte der Mann und schnupperte an ihrem Hals. „Wie du riechst! Ich war wieder auf dem Meer.“
„Ach, du armer Schatz, du wieder auf dem Meer, du als Elfjähriger!“
„Ich glaubte vor Angst zu sterben“, sagte er.
Sie drückte sich an ihn. „Sei ganz ruhig, mein Schatz, und erzähle mir von Anfang an, so als hättest du es noch nie erzählt. Ich wäre die Erste, die es hört, und wäre die Einzige die dich tröstet.“
Er setzte sich gerade, so dass der Mantel von seiner Schulter rutschte:
„Es war im heißen August. Ich liebte meinen Vater mehr als alles auf der Welt, mehr als die Mutter, die ungeduldig war. Mehr als meinen Bruder, der alles besser wusste. Mein lieber Vater fuhr mit mir ans Meer, nur wir zwei allein. Wir waren uns einig, in allem. Ich sagte, gehen wir schwimmen, Papa, schwimmen wir neben einander her, da können und wir reden, Und wir schwammen. So machten wir das jeden Tag.
Einmal war ich ihm um drei Züge voraus, ich rief: Komm Papa, komm! Er schwamm zu mir, und da wollte er umkehren. Auf einmal umkehren. Jetzt schon umkehren, Papa, sagte ich. Am nächsten Tag eine ähnliche Situation. Ich drei Züge voraus, er ein wenig schlapp. Kehren wir um, mein Freund, sagte er, dein Papa ist erschöpft. Dann aber raffte er sich auf und überholte mich um drei Züge, dann um sechs Züge, ich musste mich schwer beeilen, ihm nachzukommen. Und auf einmal sah ich ihn nicht mehr. Wir waren weit hinaus geschwommen, keine Schwimmer weit und breit. Papa, Papa, rief ich, ich kann nicht mehr, kehren wir um! Ich fühlte mich auch schon schwach. Ich sah ihn nicht mehr. Papa, Papa, rief ich, lass uns umkehren, ich kann nicht mehr! Ich kehrte um. Ich saß am Strand und wartete auf meinen Papa. Ein Wind wehte, und mir war kalt. Inwendig brannte ich. Ich hatte Angst. Ich lief zum Kiosk, sicher zehn Minuten, und sagte dort, mein Papa ist im Meer und kommt nicht. Die freundliche Frau mit der blonden Perücke verständigte die Wasserrettung. Sie legte mir ihre Strickjacke um die Schultern. Die Männer von der Wasserrettung zogen meinen Papa aus dem Meer. Er war tot.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.