Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Was ist schiefgelaufen?

Politik / 26.09.2022 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Hat sich da vielleicht jemand verrechnet, und zwar deutlich? Da liegt die FPÖ in den meisten Umfragen auf Platz zwei und noch vor der ÖVP. Aber in den Umfragen zur Präsidentenwahl dümpelt ihr Kandidat Walter Rosenkranz bei 13 Prozent. Um das wahre Ausmaß dieses Desasters ermessen zu können, muss man sich das Ergebnis der Wahl 2016 vor Augen führen. Der freiheitliche Kandidat Norbert Hofer war im ersten Wahlgang mit 35 Prozent Spitzenreiter und kam im zweiten auf immerhin 46,2 Prozent. FPÖ-Chef Kickl dürfte von einer Wiederholung dieses Ergebnisses geträumt haben. Mit Freude, dass SPÖ und ÖVP keinen Kandidaten gegen den amtierenden Bundespräsidenten ins Rennen geschickt haben. Er dürfte spekuliert haben, dass etwa Fans von Sebastian Kurz, die es offenbar immer noch gibt und die von der Nach-Kurz-VP enttäuscht sind, einen Freiheitlichen wählen könnten. Er dürfte sich gefreut haben, dass sich die Bundesspitze der VP, anders als die meisten VP-Landeshauptleute, um nichts in der Welt zu einer Wahlempfehlung für Van der Bellen durchringen konnte.

Vermutlich hat auch der Bundespräsident einst mit einem besseren Ergebnis bei der Wiederkandidatur geliebäugelt.

Nur 13 Prozent für Rosenkranz, das liegt unter jeder Erwartung. Was ist da für die FPÖ schiefgelaufen? Rosenkranz tritt im Wahlkampf, mit dem auf den Plakaten etwas plump wegretuschierten Schmiss im Gesicht, deutlich schärfer auf als seinerzeit Hofer. Passt nicht so recht zum Amt. Wenn auch andere Kandidaten aus dem rechten Lager um die Stimmen jener buhlen, die einfach mit allem unzufrieden sind, von Corona bis zu den Russland-Sanktionen, tut sich Rosenkranz nicht leicht, das rechte Stimmenpotenzial für sich zu lukrieren. Leicht auszuhalten ist es nicht, wenn einer der sechs gegen VdB kandierenden Männer, Gerald Grosz, auf einem Zeltfest „Zipfl eini, Zipfl aussi“ singt, der Impfgegner-Repräsentant Michael Brunner die offiziellen Zahlen über Corona-Kranke und -Tote in Zweifel zieht oder der Anwalt Tassilo Wallentin im ZiB2-Interview von Armin Wolf laufend mit Fehlern in seinen Büchern konfrontiert wird und das achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Dass sich Van der Bellen in Fernseh-Diskussionen nicht auf dieses Niveau begeben will, werfen ihm manche vor. Ich habe dafür Verständnis, zumal sich auch seine Vorgänger bei der Wiederwahl keiner Konfrontation gestellt hatten. Die aktuellen Ereignisse mit der Präsenz des Präsidenten beim Begräbnis der Queen in London bis zur UN-Vollversammlung in New York haben ohnehin eine Bühne geboten, die weit mehr gebracht hat als sich in einer TV-Konfrontation beflegeln zu lassen. Die sechs Mitbewerber erhalten auch so eine Medienpräsenz, die bei manchem deutlich über dessen Bedeutung liegt. Was ich damit meine, hat gerade die Doyenne der heimischen Presse, Anneliese Rohrer, in der „Presse“ auf den Punkt gebracht: „So verwirrt kann ein Kandidat gar nicht sein, dass ihm nicht Platz geboten wird.” Verbunden mit der Feststellung, dass es zwar ein absolutes Recht auf freie Meinungsäußerung gebe, aber keines auf mediale Verbreitung derselben. Doch einen Vorteil hat die mediale Wiedergabe der krausen Vorstellungen mancher Bewerber. Man begreift, wie sie ticken. Wenn man denn begreifen will. Ob´s so ausführlich sein musste, ist eine andere Frage.

Vermutlich hat auch der Bundespräsident einst mit einem besseren Ergebnis bei der Wiederkandidatur geliebäugelt. Rudolf Kirchschläger hat 1980 fast 80 Prozent geschafft, Thomas Klestil 18 Jahre später über 63 Prozent und Heinz Fisher 2010 über 79 Prozent. Jetzt gibt sich der Präsident, trotz konstanter Umfragewerte um die 60 Prozent, bezüglich seines Wahlziels etwas zu bescheiden („Mehrheit ist Mehrheit“). Angesichts der klaren Umfrage-Ergebnisse ist nur zu hoffen, dass die anderen Kandidaten nicht noch mehr an der Empörungsschraube drehen als dies jetzt schon der Fall ist, wenn laufend die sofortige Entlassung der Regierung, die Auflösung des Parlaments oder der Austritt aus der EU gefordert werden. Als ob wir genau das in Zeiten wie diesen nötig hätten.

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.

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