Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Neue Welt

Politik / 30.11.2022 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Sciopero“ stand früher auf einen Zettel gekritzelt, irgendwo an einem Schalter in Italien. Das konnte bedeuten, dass keine Züge bzw. Schiffe fuhren oder es an der Tankstelle kein Benzin gab. Die darauffolgende Verwirrung bereicherte die Urlaubsgeschichten meist noch Jahre danach, längst wieder im österreichischen Alltag angekommen, wo Streiks in Sekunden pro Jahr gemessen wurden.
Eine Handvoll Interessenvertreter verhandelten in der Zweiten Republik Mindestlöhne und Gehaltssteigerungen am grünen Tisch im Konsens aus, meist unbemerkt von der Öffentlichkeit und höchstens von ein wenig Theaterdonner begleitet. Diesen Montag aber kamen Kampfmaßnahmen, wie wir sie nur aus Italien, Großbritannien oder auch Frankreich kannten, auf unserer Insel der Seligen an. In ganz Österreich standen die Züge 24 Stunden lang still und beeinträchtigten unseren Alltag. Die Konsensdemokratie der Großen Koalition und Sozialpartnerschaft steht im Herbst 2022 nur mehr in den Geschichtsbüchern.
Vor einigen Jahren noch erklärte ein hochrangiger Gewerkschaftsfunktionär den Unterschied zwischen Paris und Wien mit folgender Anekdote: „Wenn die Franzosen streiken, verrammeln die Geschäfte ihre Schaufenster. In Wien geht den Lokalen auf der Strecke der Demonstration das Bier aus.“ Sollte Österreich vor Weihnachten auf dem Trockenen sitzen, so liegt es diesmal an den Warnstreiks in den Brauereien zwischen Göss und Zipf. Handelsangestellte könnten das Weihnachtsgeschäft am ersten Dezember-Wochenende empfindlich stören. Die Stimmung zwischen den Verhandlern gilt als aufgeheizt, die Streikbereitschaft als groß. Die Belegschaft der A1 Telekom hat gestern bereits einen einstündigen Warnstreik angekündigt.

„Die Gewerkschaften fühlen sich gestärkt durch Arbeitskräftemangel in allen Branchen und gleichzeitig unter Druck durch die hohe Inflation.“

Das alles ist Ausdruck der neuen Kräfteverhältnisse am Arbeitsmarkt. Die leistungswilligen Babyboomer gehen in Pension, junge Menschen sind rar und stellen verständlicherweise andere Ansprüche an die Arbeitswelt. Die Gewerkschaften fühlen sich gestärkt durch Arbeitskräftemangel in allen Branchen und gleichzeitig unter Druck durch die hohe Inflation. So verlagert sich der Arbeitskampf zunehmend auf die Straße. Dabei gilt es zwei Wettbewerbe zu gewinnen: Erstens, es braucht den längeren Atem bei der Blockade eines Wirtschaftszweiges oder des öffentlichen Lebens. Zweitens, der Sieg gelingt nur mit der Sympathie der Mehrheit. Die mit Steuergeld finanzierte und auf vielen Strecken als Monopolanbieter handelnde ÖBB hat bereits hart an der Grenze agiert. Beim Handel wird sich noch zeigen, wie viele der zahlreichen Angestellten auf die Gewerkschaft oder doch lieber auf ihren Chef hören.
Streik, Protest, Sabotage oder auch nur der stille Rückzug ins Private sind ebenso Zeichen der fortschreitenden gesellschaftlichen Polarisierung. Wir werden in den nächsten Jahren an vielen Stellen erkennen, wie verletzlich unsere komplexe Gesellschaft ist.

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.

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