“Ich wäre fast auf der Straße gelandet”
![ABD0002_20220711 – HERNE – DEUTSCHLAND: ARCHIV – 12.11.2015, Nordrhein-Westfalen, Herne: Eine Frau sitzt in einem Frauenhaus auf einem Bett. Frauenhuser bieten Schutz, wenn der Partner zur Gefahr wird. Bayern hinkt beim Schutz von Frauen und Mdchen nach Ansicht der FDP hinter den eigenen Ansprchen und internationalen Absprachen hinterher. (zu dpa: “FDP: Bayern hinkt bei Schutz […]](/2024/04/ABD0002-20220711-1-768x512.jpg)
Die Zahl der Räumungsklagen in Vorarlberg geht zwar zurück, im Vorjahr waren es aber immer noch mehr als eine pro Tag. Natalie A. hat noch eine Wohnung gefunden.
Text: Birgit Entner-Gerhold & Michael Prock
Schwarzach Natalie A. wäre fast auf der Straße gelandet. Ohne Beratung und finanzieller Unterstützung hätte sie sich keine neue Wohnung leisten können, erzählt sie den VN. Natalie A. möchte anonym bleiben, sie heißt eigentlich anders. “Wir waren mit regelrechtem Psychoterror des Vermieters konfrontiert, er hat dann sogar versucht, meine Kinder anzufahren, die draußen gespielt haben”, erzählt sie. Sie und ihr Partner waren zu dieser Zeit arbeitslos, eine Wohnung zu finden war schwer. Es ging weiter: Der Vermieter wurde handgreiflich, die Polizei musste aufmarschieren. Als Natalie A. auch noch eine Räumungsklage ins Haus flatterte, musste die 32-Jährige mit ihren zwei Töchtern ihre alte Wohnung endgültig verlassen. Dank der Beratung im Verein Dowas fand sie eine neue. Ihr Fall ist einer von 424 Fällen, mit der im vergangenen Jahr eine Beratungsstelle der Delogierungspräventionseinrichtungen in Vorarlberg beschäftigt war.
Die Gründe für plötzliche Wohnungsnot sind vielfältig: Trennung, steigende Mieten, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder eben Stunk mit dem Vermieter. Vor allem Alleinerzieherinnen und Familien mit vielen Kindern sind betroffen, berichtet Heidi Lorenzi. Sie leitet die das „ifs Wohnen“, also die Koordinierungsstelle im Land, um Menschen vor Delogierung zu schützen. Das gelingt nicht immer, aber meistens. Die Institutionen im Land, also IFS, Caritas und Kaplan Bonetti, haben im Vorjahr 424 Haushalte erreicht, denen drohte, die Wohnung zu verlieren. In 87 Prozent gelang es, die Wohnung zu sichern oder eine neue zu finden, erläutert Lorenzi.

Wie bei Natalie A. Sie, ihr Freund und ihre zwei Töchter wollten die Wohnung längst verlassen. “Aber wir konnten uns keine Kaution leisten. Zunächst wollten wir auch nicht zu Dowas, sind dann aber doch hin. Ich habe mich super betreut gefühlt.” Über den Wohnschirm des Bundes wurde die Kaution bezahlt. Nach fast einem Jahr Kampf inklusive Räumungsklage konnte die Familie umziehen. Jetzt wohnen die vier in einer Dreizimmerwohnung mit 85 Quadratmeter im Rheintal.
Lorenzi erläutert: „Wir schauen uns gemeinsam mit den Menschen an, ob die Wohnung überhaupt leistbar ist und die richtige Größe hat. Wir sehen uns auch an, wie es zu den Mietrückständen kam, ob es noch Rücklagen gibt, um die Rückstände zu begleichen und achten sehr darauf, dass die Betroffenen auch alle Rechtsansprüche geltend gemacht haben.“ Es passiere oft, dass sie nicht wüssten, dass ihnen eigentlich Sozialhilfe oder Wohnbeihilfe zustehen würde.

Das eigene Dach über dem Kopf zu verlieren, sei traumatisch, sagt Lorenzi. In sieben Prozent konnte aber auch das ifs trotz Sozialarbeit nicht mehr helfen. Das sind 32 Haushalte. Weitere 74 Haushalte, die mit dem ifs nicht in Kontakt standen, mussten ebenfalls geräumt werden. Das sind also 106 Räumungen bei insgesamt 547 Räumungsverfahren. Insgesamt sank die Zahl der Räumungsverfahren seit 2005 deutlich. Damals waren es noch 1089, im vergangenen Jahr 547. Auch bei Dowas berichtet man über die Arbeit. “Wir haben im Vorjahr jede Woche eine Wohnung gesichert”, freut sich Geschäftsführer Ferdinand Koller.
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Meistens drohen Delogierungen wegen Mietrückständen, sagt Lorenzi. „Es geht um die Diskrepanz zwischen Einkommen und Miete. Wenn man mehr als 30 Prozent vom Einkommen für das Wohnen ausgeben muss, muss nur ein Faktor hinzukommen, damit die Lage kippen kann.“ Trennung, langer Krankenstand, Einkommensverluste: vieles kann die eigene Wohnung bedrohen. „Es ist auch sehr erschreckend zu sehen, wie viele Haushalte ein geregeltes Einkommen haben und die Wohnung trotzdem nicht mehr bezahlen können. Die Löhne steigen nicht gleich wie die Miete”, ist Lorenzi überzeugt.
Natalie A. hat die Kurve gekratzt. Sie und ihre Kinder sind glücklich in ihrer neuen Wohnung. “Es war schwierig, ohne Dowas wären wir auf der Straße gestanden. Aber auch den Kindern gefällt es hier sehr.”