Tanz in den Abgrund oder viel Beifall fürs Fallbeil

Das Burgtheater präsentierte die Uraufführung „bumm tschak oder der letzte Henker“.
Bregenz Die Welt gerät aus den Fugen, aber egal, wie düster die Zeiten sind, im angesagtesten Club der Stadt, dem Schafott, wird munter weitergefeiert und das Credo des Eskapismus zelebriert. Josef, der Betreiber des Clubs, bravourös gespielt vom hünenhaften Max Simonischek ist der unumschränkte Meister dieses Spiels, eine Figur angesiedelt zwischen „The Undertaker“ (einer der bedeutendsten Wrestler aller Zeiten) und „Slash“ (Leadgitarrist der Hard Rock Band Guns N‘ Roses), sein Psychogramm chargiert zwischen Brechts Mackie Messer und Mozarts Sarastro. Just diesen möchte die neu gewählte Kanzlerin (Assoziationen zu Marine Le Pen, Alice Weidel drängen sich auf), famos und extravagant verkörpert von Melanie Kretschmann, als Henker für ihre perfide Politik gewinnen: die Rückkehr zur Todesstrafe. Ihr Druckmittel gegenüber Josef ist seine Liebschaft Flo, verkörpert von der ungemein wandlungsfähigen Maresi Riegner, eine linke Aktivistin und politische Idealistin, der Terrorismusvorwürfe zur Last gelegt werden und somit in der Strafvollzugsanstalt in einer Zelle neben der des ausgemergelten „Delinquenten“ (herrlich skurril Stefan Wiegand) einsitzt; als Exempel der neuen Ordnung soll der Delinquent der erste sein, der unters Fallbeil kommen soll. Wird Josef den Job als Henker annehmen?

Der Text des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz reiht sich nahtlos in die virtuosen Theatertexte eines Peter Handke, Thomas Bernhard, Werner Schwab, Peter Turrini, einer Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz ein. Er lässt bewusst die Mechanismen des „Absurden Theaters“ beiseite und beschreitet mit „bumm tschak“ (weckt Erinnerungen an den „Zackzack“-Sager eines österreichischen Politikers) eine neue „österreichische Dramaturgie“, ein Text, dessen außergewöhnliche Qualitäten sich nicht automatisch beim ersten Durchlesen, sondern erst auf der Theaterbühne, dargebracht von herausragenden Darstellerinnen und Darstellern, offenbart. Natürlich sind textliche Referenzen an Beckett, Dürrenmatt, Bernhard und anderen erkennbar, jeder heutige Künstler steht auf den Schultern von vorangegangen Riesen (ob in der Literatur, Musik, Malerei oder Performance), aber sein Text ist frisch, unkonventionell, originär – eine bench mark.

Genial auch das Bühnenbild (Olaf Altmann), einerseits widerspiegelt die schräge Ebene, die mit verzinkten Gitterrosten ausgekleidet ist (Anleihen an Tony und Ridley Scott-Filme), die coole Clubatmosphäre, anderseits mutiert die Bühne durch einen scheinbaren eisernen Vorhang, der die Vorder- von der Hinterbühne trennt, selbst zu einer überdimensionierten Guillotine. Die sogenannten „Systemschergen“ brillant und furios von Sarah Viktoria Frick und Mehmet Ateşçi verkörpert (ihre Maske erinnert an die Furcht einflößende Clown Maske im Film „Es“ (2017) von Andrés Muschietti), lassen Assoziationen zu den Kaugummikauenden Monstren Toby & Roby aus Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ aufkommen. Sie sind Sprachrohr und Exekutive der machtvollen Autokratin. Thiemo Strutzenberger als „flamboyanza“, als blinde Conférencière (einem antiken Teiresias gleich), Gefährte Josefs und Konformist eine Idealbesetzung. Nicht nur ein Blickfang in ihrem mondänen, glamourösen Outfit Stefanie Dvorak als „die strenge tür“ und in der Doppelrolle als strafvollzugsbeamte“.

Zusammengefasst: ein Highlight der Theaterkunst, ein außergewöhnliches Ensemble, meisterhafte Regie von Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann, geniales Bühnenbild, wohltuende Körperarbeit und Choreografie (Sabina Perry), manchmal „hilft das Wünschen halt doch!“ Zum Schlussapplaus kamen nicht nur das Leading-Team, angeführt von Regisseur Stefan Bachmann, sondern auch der Schriftsteller Ferdinand Schmalz auf die Bühne. Langanhaltender Applaus.
Thomas Schiretz
Weitere Vorstellungen
21. und 22. Juli 2025, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Kornmarkt