Vizerektorin der MedUni Wien: “Andere Staaten schaffen es auch, Ärzte aus dem Ausland zu holen”

Michaela Fritz fordert bessere Rahmenbedingungen für Jungärzte und Jungforscher und pocht auf mehr Verständnis für die Grundlagenforschung.
Wien Michaela Fritz wünscht sich einen größeren Stellenwert der Grundlagenforschung in Österreichs Bevölkerung. “Warum haben wir ein Smartphone, weshalb haben wir Schmerztabletten und eine Anästhesie beim Zahnarzt?”, wirbt die Vizerektorin der MedUni Wien für Forschung. Die Vorarlbergerin spricht im VN-Interview über Wissenschaftskommunikation, den Forschungsstandort und erläutert, warum es nichts bringt, mehr Ärztinnen und Ärzte auszubilden.
Wie ist es um den Forschungsstandort Österreich generell bestellt?
Michaela Fritz Er schlägt sich im europäischen Vergleich passabel. Aber: Der wichtigste Fördergeber der Universitäten und der Grundlagenforschung ist der Wissenschaftsfonds FWF. Wenn man sich die Fördersumme pro Bruttoinlandsprodukt oder pro Einwohner ansieht, ist er im Vergleich zur Schweiz und zu Deutschland oder zu den führenden Nationen wie Schweden, Dänemark und Norwegen eindeutig unterdotiert. Aber unsere Forscherinnen und Forscher sind wahnsinnig kreativ. Man wendet sich dann eben dorthin, wo es Geld gibt.
Warum ist der Stellenwert der Grundlagenforschung in Österreich nicht so groß?
Fritz Im Eurobarometer, einer regelmäßig von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene EU-weite Studie, sind wir bei einigen Aspekten Schlusslicht. Etwa bei der Frage, ob die Grundlagenforschung für das alltägliche Leben etwas bringt. Wahrscheinlich liegt es einfach an der Ignoranz und am mangelnden Interesse an Wissenschaft. Es ist wohl so, dass einige es einfach hinnehmen, wie gut es uns geht, und dabei übersehen, welche Errungenschaften hinter dem Wohlstand stecken. Warum haben wir ein Smartphone, weshalb haben wir Schmerztabletten und eine Anästhesie beim Zahnarzt? Das wird aus einer Bequemlichkeit heraus hingenommen.
Welchen Anteil daran trägt die Wissenschaft selbst?
Fritz Ergebnisse und Forschungsprozesse müssen gut und verständlich kommuniziert werden. Und wir müssen besser kommunizieren, dass Misserfolg zum Forschungsprozess dazu gehört. Rauszufinden, dass etwas nicht funktioniert, ist ein wichtiger Schritt. Wir setzen an der MedUni Wien viele Aktivitäten, von der Langen Nacht der Forschung über Podcasts, Videos, Medienarbeit Social Media inklusive einem neuen TikTok-Channel bis zu klassischen Praktika.
Sie haben über den Stellenwert der Grundlagenforschung in der Bevölkerung gesprochen. Wie sieht der Stellenwert in der Bundesregierung aus?
Fritz Das hängt schon mit der Demokratie zusammen, die Bevölkerung wählt ihre Vertreter. Bei der neuen Regierung sehe ich prinzipiell ein Bekenntnis dazu, dass die Forschung wichtig ist. Aber wir alle kennen die budgetären Rahmenbedingungen, die auch in den kommenden Jahren anspruchsvoll sein werden. Entscheidend für die Universitäten werden die Budgets 2028, 2029 und 2030.
Was bedeutet der Spardruck für Sie?
Fritz Dass die Universitäten 150 Millionen abgeben müssen, ist bekannt. Das trifft die MedUni Wien besonders, weil wir sehr personalintensiv sind. Alle Ärztinnen und Ärzte im AKH Wien etwa sind Mitarbeiter von uns. Das bedeutet, dass man bei jeder Nachbesetzung gut überlegt, wie man sie finanzieren kann und wo man Synergien schafft. Dahinter steckt die große Frage, wie es nach dieser Leistungsvereinbarung weitergeht.
In Österreich gibt es drei Medizin-Universitäten und eine medizinische Fakultät. Reicht das oder braucht es mehr Studienplätze?
Fritz Die vier Standorte arbeiten in Forschung und Lehre sehr gut zusammen und decken die regionalen Spezifitäten ausgezeichnet ab. Die Studienplatzdiskussion ist eine ganz andere. Da geht es um die Frage, wie viele Ärztinnen und Ärzte Österreich braucht. Österreich produziert genug Absolventinnen und Absolventen, die sehr gut ausgebildet sind, sodass sie in anderen Ländern, insbesondere Schweiz und Deutschland, mit Handkuss genommen werden.
Warum wechseln Absolventinnen und Absolventen in ein anderes Land?
Fritz Weil scheinbar die Rahmenbedingungen nach dem Studium in Österreich vergleichsweise weniger attraktiv sind. Zum Beispiel warten unsere Absolventen zum Teil außerordentlich lange auf einen Ausbildungsplatz. Da muss man sich nicht wundern, wenn sie es in einem anderen Land versuchen. Ich weiß nicht, wie dieses Problem gelöst werden soll, wenn es noch mehr Absolventen gibt.
In Vorarlberg diskutiert man über eine private Medizinuniversität, mit dem Argument, dass eine Arbeit im Land für Ärzte insgesamt attraktiver werden würde. Wie sehen Sie das?
Fritz Ich glaube nicht, dass das eine nachhaltige Lösung wäre. Warum sollte man dann jene halten, die man jetzt nicht halten kann? Das liegt eher an den Rahmenbedingungen und den Arbeitsbedingungen für die jungen Ärztinnen und Ärzte. Wir haben auch keinen Arbeitskräfteimport. Scheinbar ist es nicht attraktiv genug, aus anderen Ländern zu uns zu kommen. Andere Staaten schaffen es auch, Ärzte aus dem Ausland zu holen.
Wie sieht es beim Forschungspersonal aus?
Fritz Wir haben für junge Menschen wirklich attraktive Karrieremodelle, die Forschung ist sehr international und vernetzt.
Junge Forscherinnen und Forscher sehen die Arbeitsbedingungen an den Unis auch nicht rosig. Man muss sich immer wieder bewerben, die Stellen sind befristet, es gibt Kettenverträge.
Fritz Das Problem ist, dass es keine Kündigungskultur bei den Universitäten gibt. Es könnte mehr unbefristete Verträge geben, wenn man auch wieder kündigen kann, falls es nicht passen sollte. Da bewegt sich aber etwas. Prinzipiell herrscht an den Unis ein großer Druck. Eine Stelle in der akademischen Laufbahn zu bekommen ist sehr kompetitiv, es geht viel um Förderungen. Wenn die Förderungsquote weiter sinkt, wird es noch härter. Da wird wahrscheinlich dann noch mehr Zeit dafür benötigt, Förderungsanträge zu schreiben. Ich weiß nicht, wie man aus diesem Kreislauf rauskommen kann. Eine Entbürokratisierung wäre hier dringend notwendig.
Bei den Förderungsanträgen?
Fritz Ja. Wir müssen aufpassen, dass die Anträge nicht immer länger und länger werden, dass nicht noch mehr Kriterien abgefragt werden. Man muss aufpassen, dass es kein Lotteriespiel wird. Wenn die Förderquoten niedrig werden, hängt viel vom Glück ab, schon allein davon, welchen externen Gutachter ich habe oder ob eine kleine konstruktive Kritik sofort zur Ablehnung führt.
Wie könnte die Politik Ihnen am meisten helfen?
Fritz Wir bräuchten Commitment für eine von Neugier getriebene Grundlagenforschung und wir bräuchten vereinfachte Rahmenbedingungen für klinische Studien. In anderen Staaten wurde das Verfahren bereits beschleunigt und vereinfacht. Ich sage nicht, dass sich in Österreich nichts bewegen würde, aber es geht sehr langsam.
Zur Person
Michaela Fritz
Beruf: Vizerektorin MedUni Wien, zuständig für Forschung und Innovation
Alter: 54
Wohnort: Wien
Aufgewachsen in Nüziders
Laufbahn: Matura Sacré Coeur Riedenburg. Danach Studium der Werkstoffwissenschaften an der ETH Zurück mit Promotion. Postdoc in Götting, anschließend bei Infineon in München an der Entwicklung von Biochips beteiligt. Nach einem Stopp beim Austria Wirtschaftsservice bei der MedUni gelandet.