Das Vermächtnis des Unverstellten

Carl Lampert: Erinnerungsabend in der Pfarrkirche St. Martin in Dornbirn.
Dornbirn Im Jahr 2026 jährt sich die Seligsprechung von Carl Lampert zum fünfzehnten Mal. Aus diesem Anlass finden zahlreiche Veranstaltungen statt, die an einen Mann erinnern, dessen Haltung bis heute herausfordert. Eine besonders eindringliche Form des Gedenkens wählt der Erinnerungsabend am Dienstag, 27. Jänner, um 19 Uhr in der Pfarrkirche St. Martin in Dornbirn nicht als historische Rückschau, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit Verantwortung, Gewissen und Widerstand.

Provikar Msgr. Dr. Carl Lampert (1894–1944) war der ranghöchste österreichische Geistliche, der vom nationalsozialistischen Regime hingerichtet wurde. 1998 leitete die Diözese Feldkirch das Seligsprechungsverfahren ein, das am 13. November 2011 mit der feierlichen Seligsprechung in Dornbirn St. Martin seinen Abschluss fand. Lampert steht heute stellvertretend für jene Frauen und Männer, die dem Nationalsozialismus nicht aus politischem Kalkül, sondern aus moralischer Überzeugung widerstanden – wissend, dass dieser Weg Isolation, Verfolgung und im äußersten Fall den Tod bedeutete. Die Größe Carl Lamperts erschließt sich erst vor dem Hintergrund des totalitären Drucks jener Zeit. In einer von Propaganda durchdrungenen Gesellschaft, in der Anpassung Sicherheit versprach und Abweichung existenzielle Gefahr bedeutete, hielt Lampert unbeirrbar an seinem Gewissen, an seinem Glauben und an der Treue zu seinem Bischof fest. Seine Standhaftigkeit war kein heroischer Gestus, sondern ein stilles Ausharren, getragen von der Überzeugung, dass moralische Maximen schwerer wiegen als die Forderungen eines unmenschlichen Systems.

Der Erinnerungsabend in St. Martin setzt genau hier an. Zeit verhält sich eigentümlich an diesem Abend: Ein erster Orgelton füllt den Raum, dehnt ihn, hält ihn offen. Dazu treten überraschende Filmaufnahmen aus Dornbirn vor rund hundert Jahren. Vergangenheit zieht sich nicht zurück, Gegenwart rückt näher. Erinnerung erscheint nicht abgeschlossen, sondern als Bewegung. Im Zentrum stehen Texte Carl Lamperts selbst. Der Schauspieler Nico Raschner, der Lampert momentan auf der Bühne des Vorarlberger Landestheaters verkörpert, liest aus dessen Briefen, Zeugnisse einer Zeit, in der jedes Wort Gewicht hatte. Ihre Kraft liegt gerade darin, dass sie nicht historisch verharren. Zwischen den Zeilen stellt sich eine Frage, die bleibt: Was heißt es, Haltung zu bewahren, wenn Anpassung nahe liegt? Diese Frage wird weitergetragen durch Gespräche mit Nachkommen der Familien Rigger und Rohner, mit denen Lampert eng verbunden war, sowie mit Angehörigen der Familie Lampert. Erinnerung zeigt sich hier als etwas Weiterwirkendes, als innere Orientierung. Eine persönliche Stimme fasst dies so zusammen: „Er ist derjenige, an dem ich mich messe, wenn ich mein eigenes Maß suche.“

Musikalisch wird der Abend von der Orgel und dem Tanin-Streichquartett gestaltet. Rudolf Berchtel eröffnet an der Orgel den Klangraum, das Quartett mit Yashar Noorozi und Elena Marabini (Violine), Ali Delangiz (Viola) und Luis Alejandro Castillo (Violoncello) führt ihn weiter. Musik wirkt dabei nicht begleitend, sondern als eigenständige Sprache.
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Im Podiumsgespräch treffen schließlich unterschiedliche Perspektiven aufeinander: Bischof Benno Elbs, Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, der Historiker Meinrad Pichler sowie Vertreterinnen und Vertreter der Familie Lampert sprechen über Verantwortung, über Sprache und über jene feinen Verschiebungen, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen zeigen. Durch den Abend führt Markus Linder, dessen persönliche Verbindung – sein Großonkel Alois Knecht war mit Lampert im KZ Dachau inhaftiert und bezeichnete ihn als „Sonne im Lager“ – dem Erinnern eine zusätzliche Tiefe verleiht.
Carl Lampert: Das Vermächtnis des Unverstellten
Dienstag, 27. Jänner 2026, 19 Uhr
Pfarrkirche St. Martin, Marktplatz 1, Dornbirn