Von der Unruhe als künstlerischem Prinzip

Daniel Kahn: Zwischen Sprachen, Zeiten und Identitäten: Jiddische Musik heute.
Bludenz Am Dienstag, dem 3. Februar, um 20 Uhr lädt das Jüdische Museum Hohenems zu einem Konzert in die Remise Bludenz ein. Unter dem Titel „Umru– Unruhe“ präsentieren der in Detroit geborene und heute in Hamburg lebende Sänger und Musiker sowie seine langjährigen Weggefährten Jake Shulman-Ment und Christian Dawid ihr aktuelles Album. Das Konzert geht jedoch über die Vorstellung eines neuen Tonträgers hinaus: Im Zentrum steht eine Auseinandersetzung mit jiddischer Kultur, Migrationserfahrungen und künstlerischen Formen des Widerstands. Mit „Umru“ – jiddisch für „Unruhe“ – schließt sich eine Trilogie, die 2021 mit dem Soloalbum „Word Beggar“ begann und 2023 mit „The Building & Other Songs“ im Duo mit Jake Shulman-Ment fortgeführt wurde. Nun stellt das Trio eine gemeinsame Produktion vor, in der musikalische Elemente unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen. Überlieferte jiddische Melodien, eigene Lieder und Übersetzungen von Werken u. a. von Tom Waits, Bonnie „Prince“ Billy, Georg Kreisler und Stephen Foster werden miteinander verbunden. Daraus entsteht ein Geflecht aus Balladen, das kulturelle Zuschreibungen und nationale Grenzen bewusst unterläuft.

Die Auswahl der Stücke folgt keiner linearen Erzählung, sondern versteht sich als Collage aus Stimmen, Erinnerungen und Kommentaren. Im Zentrum stehen dabei die jiddische Sprache und Lyrik, nicht als nostalgische Rückschau, sondern als lebendige, aktuelle Ausdrucksform. Es geht um politische Wachheit ebenso wie um poetische Reflexion, um Zugehörigkeit, Zweifel und die Frage, wie sich kulturelle Identität unter veränderten Bedingungen artikuliert.
Im Mittelpunkt steht Kahns Begriff der „Radical Yiddish Autonomy“: eine selbstbewusste, transnationale jiddische Kultur, die sich mit der Geschichte auseinandersetzt, ohne in Rückwärtsgewandtheit zu verfallen. Sie positioniert sich gegen Ausgrenzung, Gewalt und Antisemitismus mit spielerischen und bisweilen ironischen Mitteln. In seinem Gesang wechselt Kahn zwischen Anklage, Klage und Kabarett, wobei jedes Stück eine eigene musikalische Gestalt annimmt. Er begleitet sich auf verschiedenen Instrumenten, darunter Akkordeon, Klavier, Gitarre, Harfe und Waldzither. Jake Shulman-Ment, einer der profiliertesten Klezmergeiger seiner Generation, erweitert das Klangbild mit Elementen aus der osteuropäischen Volksmusik wie Doina, Polka und rumänischer Hochzeitsmusik. Christian Dawid ergänzt mit Klarinette, Saxophon und Perkussion, die zwischen fein gearbeiteten Linien und rhythmischen Akzenten changieren. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit der Musiker verleiht dem Zusammenspiel eine fast kammermusikalische Dichte: Es ist improvisatorisch offen, aber strukturell präzise.
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Das Spektrum des Programms reicht von Klezmer über Jazz bis zu Anklängen an politisches Kabarett und Folk. Thematisiert werden Lieder aus dem Exil und der Heimatlosigkeit, aber auch solche, die Widerstand und Hoffnung formulieren. Die Aufnahmen entstanden innerhalb von vier Tagen in den White Fir Studios von Michael Fetscher. Dabei wurde bewusst auf digitale Nachbearbeitung verzichtet. Produziert wurde das Album von Stella Morgenstern, die das Trio seit vielen Jahren begleitet. Der Titel „Unruhe“ verweist nicht zuletzt auch auf eine künstlerische Haltung, die sich Beweglichkeit, Widerspruch und Suchbewegung zum Prinzip macht. Dabei geht es weder um politische Thesen noch um einen Authentizitätsanspruch, sondern um eine musikalische Praxis, die Übergänge betont, Brüche zulässt und jiddische Musik als Gegenwart und nicht als Erbe versteht. Das Konzert verspricht ein konzentriertes Hörerlebnis und erinnert zugleich daran, dass jiddische Musik auch heute politische Relevanz besitzt, wenn sie mit künstlerischer Konsequenz, Humor und Haltung dargeboten wird.