Latein oder KI? Schule zwischen Algorithmus und Antike

Politik / 01.02.2026 • 12:59 Uhr
ABD0117_20260116 – DARMSTADT – DEUTSCHLAND: ++ ARCHIVBILD ++ ARCHIV – 25.01.2023, Hessen, Darmstadt: Ein Mensch gibt einen Text in ChatGPT ein. (zu dpa: ÇSchulen aus Berlin und Potsdam fŸr KI-Ideen ausgezeichnetÈ) Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. (ARCHIVBILD VOM 25.1.2023) – FOTO: APA/dpa/Frank Rumpenhorst
KI betrifft bereits den Schulalltag in all seinen Facetten. Ob ein eigenes Unterrichtsfach die Antwort ist, sorgt für Skepsis. APA

Der Bildungsminister will KI als Unterrichtsfach einführen. In Vorarlberg betrachtet man die Debatte differenziert.

Wien Latein ist nicht so tot, wie du denkst. So lautet die Grundaussage eines humorvollen Plädoyers für die – zugegebenermaßen ausgestorbene – Sprache auf der Homepage des Borg Egg. Tatsächlich ist unsere Alltagssprache voller lateinischer Spuren: von Prosit bis in flagranti. Latein bildet die Grundlage aller romanischen Sprachen und ist in vielen Berufsgruppen präsent. Dennoch stellt sich die Frage, ob Latein im Lehrplan nicht aktuellen Entwicklungen weichen muss.

Wenn es nach Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) geht, ist die Antwort klar: ja. Der Lehrplan soll umgebaut werden, Künstliche Intelligenz (KI) soll ab dem Schuljahr 2027/2028 mehr Raum erhalten. In den Gymnasien wird im Gegenzug bei Latein gekürzt: Statt zwölf sollen über die vier Oberstufenjahre nur noch acht Wochenstunden vorgesehen sein.

Zwischen Tradition und Transformation

In Vorarlberg wird die Debatte differenziert geführt. Christof Bohle, Direktor des Bundesgymnasiums Dornbirn, leitet eine Schule mit rund 800 Schülerinnen und Schülern – etwa 200 von ihnen besuchen das Fach Latein. Dass Latein zahlenmäßig seit Jahrzehnten unter Druck steht, sei unbestritten.

“KI ist der Elefant im Raum”, sagt Bohle. Entsprechend habe man das Thema in der Schulentwicklung ganz nach oben gereiht. KI betreffe alle Bereiche: den Unterricht quer durch die Fächer, die Verwaltung, die Lehrpersonen ebenso wie die Schülerinnen und Schüler. Ein kleines Team arbeite derzeit daran, schulinterne Fortbildungen würden besucht, und Anfang März sei KI auch zentrales Thema einer Konferenz.

Dass KI die Schule verändern wird – und bereits verändert hat –, daran zweifelt Bohle nicht. “Ob aber ein eigenes Schulfach die richtige Antwort ist, da wäre ich skeptisch”, sagt er. Jede Lehrperson wisse, dass der Wandel kommt. Die Frage sei vielmehr, wie er in den einzelnen Fächern umgesetzt werde. Denn jedes Unterrichtsfach verlange eigene Zugänge. Zudem verlaufe die Entwicklung so rasant, dass es für ein System wie Schule kaum möglich sei, stets aktuell zu bleiben. “Das schafft ein System wie Schule nicht. Und eigentlich kämpfen ja alle”, verweist Bohle auf den größeren gesellschaftlichen Kontext.

Josefine Müller Schülerunion Vorarlberg AHS
Josefine Müller ist AHS Landesschulsprecherin. Schülerunion

Tot und dennoch sinnvoll

Auch die Schülerinnen und Schüler sehen den Wandel. “Wir haben natürlich ein Interesse daran, auf eine Welt vorbereitet zu werden, die sich nicht mehr in der Schule abspielt. KI wird immer mehr zum Thema”, sagt Josefine Müller. Die 18-Jährige ist AHS-Schülerinnen- und Schülervertreterin und steht kurz vor der Matura. Den Vorstoß des Bildungsministers hält sie grundsätzlich für einen guten Schritt. Das Interesse an Latein nehme ab, jenes an KI hingegen zu – die geplanten Kürzungen könne sie daher nachvollziehen.

Im Schulalltag habe KI bereits vieles verändert, berichtet Müller. Der Umgang damit sei jedoch von Lehrperson zu Lehrperson sehr unterschiedlich. Manche erlaubten einen reflektierten Einsatz von KI sogar bei Hausaufgaben, andere untersagten sie komplett. “Es geht aber immer vorrangig darum, dass wir Künstliche Intelligenz auch kritisch betrachten sollen und vorsichtig sind im Umgang damit”, sagt sie.

Wenn man der Maturantin zuhört, scheint Latein jedoch noch nicht verloren zu sein. “In meiner Schule gibt es tatsächlich in den jüngeren Jahrgängen immer weniger Interesse. Ich persönlich habe seit der dritten Klasse Gymnasium Latein”, berichtet sie. Sie bereut es offenbar nicht, sich für die Langform entschieden zu haben. Es hänge zwar von den vermittelnden Personen ab, aber insgesamt, so urteilt Müller: “Für mich ist Latein die Basis einer guten humanistischen Bildung. Selbst wenn es eine ausgestorbene Sprache ist.”