Pflege ist weiblich – nicht nur innerhalb des Personals

Politik / 05.02.2026 • 16:45 Uhr
Pflege ist weiblich - nicht nur innerhalb des Personals
Die Landesregierung hat sich angesehen, wie der Weg von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Pflegeheim aussieht. APA

Studie zeigt: Zwei Drittel der 16.000 Vorarlberger mit Pflegebedarf sind weiblich.

Schwarzach Wir kämpfen mit Teuerung und Energiekrise, helfen Geflüchteten aus einem Kriegsgebiet mitten in Europa, die Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosigkeit steigt, die öffentlichen Budgets sind klamm. Im Dauerfeuer der Krisen gerät ein Thema beinahe in Vergessenheit, das uns früher oder später alle betrifft: die Pflege. Auch politisch steht sie nicht sonderlich im Fokus derzeit. Während im Vorjahr etwa monatelang über die Tarife für Sozialinstitutionen diskutiert wurde, blieb die Reform der Pflegetarife für Pflegeheime weitgehend ohne öffentlichen Widerhall.

Im Hintergrund sammelte die Landesregierung in der Zwischenzeit fleißig Zahlenmaterial. Am Donnerstag präsentierte Soziallandesrätin Martina Rüscher, flankiert von der Statistikabteilung des Landes, das Ergebnis: eine umfassende Statistik zur Pflegesituation in Vorarlberg. Erstmals wird darin nicht nur die aktuelle Situation abgebildet, sondern auch, welche Wege die Menschen gehen, bevor sie dort ankommen, wo sie heute stehen. Aus diesen Daten leitet die Landesregierung vor allem eine Konsequenz ab: Die ambulanten Angebote sollen gestärkt werden.

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Rund 16.000 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger haben im Jahr 2024 eine oder mehrere öffentliche Pflegeleistungen in Anspruch genommen. Rund 9200 Personen kamen mit der Hauskrankenpflege in Kontakt, etwa 5400 mit den mobilen Hilfsdiensten (MOHI), 5500 mit dem Case-Management, rund 4000 mit der stationären Langzeitpflege. Etwa 2500 Menschen in Vorarlberg benötigen eine 24-Stunden-Betreuung. Die Hälfte dieser 16.000 Personen nahm mindestens zwei Leistungen in Anspruch.

Neu ist, dass die Landesregierung nun die Wege der Betroffenen nachvollziehen kann, bevor diese in ein Pflegeheim wechseln oder eine 24-Stunden-Betreuung benötigen. Ein Beispiel: Zehn Prozent jener Menschen, die heute zu Hause rund um die Uhr betreut werden, starteten ihre Pflege mit der Hauskrankenpflege, acht Prozent kamen zusätzlich mit dem Case-Management in Kontakt. Eine derartige Untersuchung sei in Österreich einzigartig und auch im deutschsprachigen Raum nicht bekannt, betont Rüscher.

Auf der fast 500 Seiten umfassenden Studie soll nun eine Strategie aufgebaut werden. Eines steht für die Landesrätin bereits fest: Die ambulanten Dienste müssen gestärkt werden. Dazu zählt auch eine noch engere Vernetzung von Hauskrankenpflege und MOHI bis hin zu Kooperationen oder einem Zusammenschluss.

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Zudem soll die Rolle des Case-Managements gestärkt werden. Einerseits als zentrale Anlaufstelle für alle Pflegefragen im Rahmen der geplanten neun regionalen Sozialraumbüros, andererseits durch mehr Verbindlichkeit. Künftig soll das Case-Management darüber entscheiden, ob eine Person in ein Pflegeheim aufgenommen wird oder nicht. An diese Entscheidung sollen sich sowohl die Familien als auch die Heime halten. Diese Verbindlichkeit soll mit der Sozialhilfe verknüpft werden.

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Das Zahlenmaterial der Statistikabteilung zeigt außerdem, wie stark der Pflegebedarf im Land steigen wird. Im Jahr 2018 befanden sich 13.500 Menschen in einer Betreuungsform, 2024 waren es bereits 16.000. Das entspricht einer jährlichen Steigerungsrate von 2,5 Prozent. Schon jetzt gilt: „Ein Drittel der Menschen im Land, die älter als 75 Jahre sind, haben mindestens einen sozialen Dienst im Bereich Pflege und Betreuung in Anspruch genommen“, sagt Rüscher. In 50 Jahren wird sich die Zahl der über 80-Jährigen in Vorarlberg verdoppeln. Daran müsse auch der Personalbedarf angepasst werden. Dieser Prozess sei bereits im Gang. „Mit den aktuellen Ausbildungszahlen kann die Situation bis 2025 stabilisiert werden.“

Deutlich wird auch: Nicht nur der Pflegeberuf ist weiblich geprägt, sondern auch die Gruppe der Pflegebedürftigen. Fast zwei Drittel aller Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf in Vorarlberg sind Frauen. Die Geschlechterschere hat sich jedoch leicht geschlossen. Lag der Anteil 2018 noch bei 65 Prozent, sank er 2024 auf knapp unter 64 Prozent.