Expertin zu Kinz-Aussagen: “Das ist ein alter Trick zur Schuldabwehr”

Politik / 11.02.2026 • 17:46 Uhr
Expertin zu Kinz-Aussagen: "Das ist ein alter Trick zur Schuldabwehr"
Hubert Kinz sorgt weiterhin für Diskussionen.VN/Steurer

Ingrid Böhler vom Institut für Zeitgeschichte sieht die Aussagen von Hubert Kinz als Beispiel dafür, weshalb es eine neue Erinnerungskultur braucht.

Bregenz Vor einer Woche sorgte Landtagsvizepräsident und FPÖ-Abgeordneter Hubert Kinz für Aufsehen, als er in einer Landtagsrede den Holocaust mit Übergriffen marokkanischer Soldaten nach der Befreiung und Hexenverbrennungen im Mittelalter verglich. Anschließende Bekräftigungen von Kinz, wonach er Gräueltaten der NS-Zeit natürlich zutiefst verabscheue, reichten vielen als Entschuldigung. Doch noch immer steht die Frage im Raum: Hat der Landtagsvizepräsident den Holocaust relativiert? Für Ingrid Böhler, Leiterin des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck, steht fest: “Ja. Was soll es sonst sein?”

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Am Mittwoch der Vorwoche debattierte der Landtag einen Antrag der Grünen. Sie forderten ein neues Leitbild für Erinnerungskultur, um eine zeitgemäße Erinnerung an die NS-Zeit zu gewährleisten. ÖVP und FPÖ lehnten ab – für die FPÖ argumentierte Hubert Kinz unter anderem so: “Sind Übergriffe seinerzeit von marokkanischen Besatzungssoldaten gegenüber Damen unseres Landes weniger schlimm?” Ingrid Böhler erläutert: “Solche Vergleiche sind ein alter Trick zur Schuldabwehr.” Man gestehe zwar ein, dass man etwas Schlimmes gemacht hat, allerdings seien die anderen ja auch nicht besser gewesen.

HIER GEHT ES ZUR REDE VON HUBERT KINZ

Vorarlberg ist im Mai 1945 von französischen Truppen befreit worden, darunter befanden sich auch zwei Divisionen, die aus marokkanischen Einheiten bestanden. Angesichts der sich zuspitzenden militärischen Lage hatte die NS-Führung mit rassistischen Argumenten gegen Kriegsende Ängste vor den herannahenden Alliierten geschürt, um den Widerstandswillen der Bevölkerung anzufachen. Tatsächlich habe es nach der Befreiung auch Verbrechen gegeben, wie in jedem Krieg, betont Böhler. “Aber der Holocaust war ein staatlich angeordneter und organisierter Massenmord. Im Gegenzug dazu waren Übergriffe auf die Zivilbevölkerung eigentlich verboten. Die französische Militärregierung ist in Vorarlberg bei Anzeigen auch dagegen vorgegangen. Schon deswegen sind solche Vergleiche auf das Schärfste zurückzuweisen, einmal abgesehen von den Größenordnungen im Hinblick auf die Opferzahlen.” Letztlich stecke Gleichmacherei hinter solchen Aussagen, um den Mythos, dass man selber Opfer geworden sei, aufrechtzuerhalten. Dass Kinz anschließend auch mit Hexenverbrennungen und Brandschatzungen in den Appenzeller Kriegen argumentiert, erklärt Böhler so: “Die Botschaft lautet: Die Menschen haben schon immer schreckliche Dinge und Unrecht erlitten und man kann nichts dagegen machen, weswegen wir uns auch keine großen Gedanken zu machen brauchen – beispielsweise darüber, wer die Verantwortung trägt.” Am Ende sei es ganz klar eine Relativierung und ein Beweis, dass es das geforderte offizielle Bekenntnis des Landes zu einer Erinnerungskultur, die die eigene Geschichte kritisch beleuchtet, benötige. Tirol könne hier als Beispiel dienen.

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Auch Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, ist weiterhin verärgert. “Ich bin entsetzt über die Art und Weise, wie die Entgleisung von Kinz heruntergespielt wird.” Seine Äußerungen seien blanker Rassismus. Die marokkanischen Soldaten hätten Vorarlberg als schlecht behandelte Kolonialtruppen befreit, seien dafür einen weiten Weg gegangen und hätten Opfer gebracht. “Selbst wenn es Übergriffe gegeben hätte, von denen bislang in irgendeinem relevanten Ausmaß keine Kunde besteht, dann wäre die Formulierung ‚war das weniger schlimm?‘ wohl kein Kavaliersdelikt, sondern einer der extremsten Fälle von Holocaust-Relativierung, der mir in den letzten Jahren untergekommen ist”, ist Loewy überzeugt.