Kommentar: Die Lüge – eine Gewalttat
An der Südwand des Vorarlberger Landestheaters hängt ein sehr brisantes Transparent, eine Botschaft eigentlich, die in jedem Schulbuch stehen sollte – Frau Ammann hat’s fotografiert, mir gesimst und, wie so oft, als Thema empfohlen, das am Emsbach besprochen werden könnte. Da heißt es: „Wir müssen darauf beharren, dass eine Lüge eine Gewalttat ist. Sie bricht den Kontrakt, den wir als Gesellschaft untereinander geschlossen haben.“ Der Satz stammt vom Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher und trifft genau den Kern der Schwachstelle unserer Zivilisation.
Frau Ammann meint, wenn Wahrheit und Lüge in ihrem Wirkungsverhältnis zu sehr außer Balance geraten, wie in diesen Zeiten, die uns (als digitaler Kolonie der USA) mit Deepfakes, KI-Manipulationen und Desinformation das Leben verunsichern, dann wächst unsere Sehnsucht nach Echtheit, Wahrhaftigkeit und verlässlichen Parametern.
Im Algorithmen-Käfig der Social Media sind keine Erholungsphasen vorgesehen, im Gegenteil – eine Hetze in die Sucht ist das Programm.
In lauten Zeiten gehen die Zwischentöne unter und auch die Sensiblen, die guten Willens wären. Digitale Medien und Künstliche Intelligenz haben „unsere soziale Wirklichkeit tiefgreifend verändert“, sagt der Neurobiologe Anton Haubenberger: „Unser Gehirn ist ein Vorhersage-Organ: Es versucht, kommende Ereignisse anhand von Erfahrungen und Sinneseindrücken vorauszuahnen. Dafür braucht es Verlässlichkeit.“ Das ist der Punkt, denn die ist erschüttert durch Misstrauen und Verunsicherung. Haubenberger spricht von einer „neurobiologischen Paradoxie“: „Je mehr wir digital kommunizieren, desto stärker sehnt sich unser Gehirn nach echter Resonanz, nach einem Gegenüber, das nicht bewertet, sondern spürt.“
Eigentlich eine alte Weisheit – Soziale Anerkennung, der wichtigste Nährstoff für ein Wohlbefinden in Würde, kann der Computer nicht bieten.
Die Unwägbarkeiten der gegenwärtigen Weltpolitik tun ein Übriges zur emotionalen Irritation. Dabei können wir wieder mal erste Reihe fußfrei erleben, was sich autoritär gebärdende Systeme, wie die derzeitigen USA, als Erstes abschminken: die Scham und die Wahrheit.
Der Umgang mit Wahrheit und Lüge war immer schon ein Indiz für die Stärkung oder eben den Niedergang der Demokratie. Deshalb sind „verlässliche Informationsräume jenseits von Klicklogik und eine selbstreflexive Kultur, die unsere Wahrnehmung hinterfragt -kurz: eine Demokratie-Kultur“ nötiger denn je.
Leider denken nicht alle so. Eine brandneue Umfrage besagt nämlich, dass fast jeder zweite FPÖ-Wähler eine engere Beziehung zu Russland möchte, also zu einer mafios strukturierten Diktatur von Geheimdiensten, deren wichtigstes Propaganda-Tool die Lüge ist. Das ist schwer nachvollziehbar, wenn man das obige Zitat als Prämisse für ein freies Leben in Würde nimmt: „Eine Lüge ist eine Gewalttat.“ Die Wahrheit wird sich kantig wehren müssen.
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.
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