Kommentar: Bildungspolitische Bombe?
Stress für die Neun- bis Zehnjährigen, ihre Eltern und die Schulen: Das Aufnahmeverfahren für weiterführende Schulen läuft gerade. Dieser Stress ist unnötig und kontraproduktiv. Österreich hat eines der teuersten Schulsysteme Europas – mit leider sehr dürftigen Ergebnissen. Ursachen dafür gibt es viele. Es braucht daher eine grundlegende Reform.
Wie man dabei vorgehen soll, hat Vorarlberg beispielhaft vorgemacht. Fachleute analysierten den Ist-Zustand, befragten Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler. Das Ergebnis war eindeutig: Die nur noch in Österreich und Deutschland praktizierte viel zu frühe Trennung der Kinder nach der Volksschule ist das Hauptproblem. Es braucht eine Gemeinsamen Schule bis zum 14. Lebensjahr.
Der Vorarlberger Landtag beschloss daraufhin fast einstimmig – nur eine Neos-Abgeordnete war dagegen – die landesweite Umsetzung auf Basis von Individualisierung und innerer Differenzierung. Das war ein Auftrag an die Landesregierung und zugleich eine bildungspolitische Bombe. In ganz Österreich keimte die Hoffnung, dies könnte der Anfang einer österreichweiten Reform sein. Das ist über zehn Jahre her. Die „Bombe“ wurde leider zum Rohrkrepierer.
Der Beschluss ist zwar noch aufrecht, die zuständige Landesrätin scheint aber desinteressiert zu sein und der Landeshauptmann bremste den Landtagsbeschluss auf Bundesebene sogar aus. Dabei gab es in seiner Partei mit Reinhold Mitterlehner einen Obmann, der sich in Richtung Gemeinsame Schule bewegt hatte.
Ob die sechsjährige Volksschule von Bildungsminister Christoph Wiederkehr das Problem lösen würde? In Wien hat er als Bildungsstadtrat größere Probleme hinterlassen als bei Amtsantritt vorgefunden. Seither diskutiert er als Minister über ein Kopftuchverbot, die leichtere Suspendierung von Problem-Kindern aus dem Unterricht und zuletzt über Handyverbot oder Ausmaß von Latein-Stunden. Mit einer grundlegenden Reform hat das wenig zu tun. Weiß er es nicht besser oder kann er sich gegen die ÖVP nicht durchsetzen?
Das Vorarlberger Modell beruhte auf wissenschaftlicher Evidenz. Für eine sechsjährige Volksschule hingegen gibt es keine Lehrpläne oder Vorarbeiten, nicht genug ausgebildete Lehrkräfte, Schulraum etc. Was wird aus den von vier auf zwei Jahre „halbierten“ Mittelschulen?
Warum orientieren wir uns nicht am Südtirol Modell? Das ist eine vergleichbare Region mit einer Gemeinsamen Schule und hervorragenden Ergebnissen: halb so viele Kinder mit Leseschwächen und – trotz fehlender gymnasialer Langform – deutlich mehr Spitzenleistungen. „Lehrlingspapst“ Egon Blum bemängelte schon vor Jahren die fehlenden Basics bei vielen Lehrlingen: Lesen, Schreiben und Rechnen. Wie heftig müssen die Probleme noch werden, bis Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung in Sachen Schulreform „ihre“ ÖVP zur Räson bringen? Eventuell nach dem Motto: „Geht´s der Schule gut, geht’s der Wirtschaft gut!“ Sowie Kindern und Eltern – sei hinzugefügt.
Harald Walser ist Historiker, ehemaliger Abgeordneter zum Nationalrat (Die Grünen) und AHS-Direktor.
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