Klimaschutz: “Für jede neue Straße sollte eine andere rückgebaut werden”

Physikerin Babette Hebenstreit ist neue Obfrau des Vereins “KlimaVOR!”. Sie fordert mehr Tempo bei Erneuerbaren, bessere Radinfrastruktur und ein Umdenken bei Straßen.
- Neue Obfrau von “KlimaVOR!”: Die Physikerin Babette Hebenstreit engagiert sich seit Jahren in der Energie- und Klimaforschung und wurde kürzlich zur Obfrau von “KlimaVOR!” gewählt.
- Klimaschutz-Ansätze für Vorarlberg: Hebenstreit sieht Fortschritte im öffentlichen Verkehr, fordert aber schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien (inklusive Windkraft), mehr Gebäudesanierungen und eine stärkere Förderung klimafreundlicher Mobilität wie Radwege statt neuer Straßen.
Schwarzach “Die Themen erschlagen einen aktuell”, sagt Babette Hebenstreit auf die Frage, wie sich Menschen wieder stärker für Klimaschutz motivieren lassen. Gemeint ist die Weltlage. Die 43-jährige Physikerin ist frisch zur Obfrau von “KlimaVOR!” gewählt worden – und damit eine neue Stimme im Land für ein rasches Erreichen der Klimaneutralität. Die Rechnung ist einfach wie schwierig: Je mehr mitmachen, umso schneller wird es gehen.
Neu ist ihr Engagement nicht. Naturwissenschaften seien schon immer ihr Thema gewesen. In der Schule interessierte sie sich besonders für Mathematik und Physik, nahm an Mathe-Olympiaden teil, ihr Vater führt ein Bauphysikbüro. Nach der Matura studierte sie Technische Physik an der Technischen Universität Graz. Es folgten Stationen am Austrian Institute of Technology und beim Biomasse-Forschungszentrum BEST, wo sie unter anderem zu Wärmepumpen und Biomassekraftwerken arbeitete.

Die Energieforschung führte die gebürtige Wienerin schließlich nach Dornbirn. Seit mehr als zehn Jahren lehrt und forscht sie an der Fachhochschule Vorarlberg im Bereich Energie und Umwelt. Neben der Arbeit lockte auch die Natur: “Viele, die herziehen, kommen auch wegen der Berge.”
Zukunftsfrage
Durch ihre Arbeit weiß Hebenstreit genau, wo Emissionen entstehen und welche Lösungen technisch möglich sind. “Es war mir immer ein Anliegen, im Energiebereich zu arbeiten. Aber ich habe gesehen, dass es mehr braucht als Arbeit – auch zivilgesellschaftliches Engagement.” Über die Klimabewegung kam sie zu Parents for Future. “Wenn man ein Kind bekommt, stellt sich noch einmal stärker die Frage: In welcher Zukunft soll mein Kind leben?” Eine persönliche Konsequenz: Die Familie besitzt kein Auto und fährt viel mit dem Zug. “Mein siebenjähriger Sohn hat früher gefragt, warum wir kein Auto haben. Heute ist er stolz darauf.”
Mit “KlimaVOR!” hat Hebenstreit eine weitere Plattform für ihr Engagement gefunden. Sie folgt auf den Vereinsgründer Christof Drexel. Der Verein zählt mehr als 200 Mitglieder, dazu kommen 61 Unternehmen und Organisationen. “Wir bündeln das Fachwissen von engagierten Privatpersonen, NGOs, landwirtschaftlichen Betrieben und Firmen. Wir holen Best-Practice-Beispiele vor den Vorhang und vernetzen Initiativen im Rahmen der Klima-Kampagne Vorarlberg.”
Nicht auf Wasserkraft ausruhen
Wo steht Vorarlberg auf dem Weg zur Klimaneutralität? “Der öffentliche Verkehr funktioniert sehr gut. Vorarlberg ist ein Vorzeigeland im ländlichen Raum.” Mehr Tempo wünscht sie sich beim Ausbau erneuerbarer Energien: “Wir dürfen uns auf der Wasserkraft nicht ausruhen. Wir müssen konsequenter ausbauen – inklusive Netze und Speicher.” Auch bei der Windkraft sieht sie Potenzial: “Ich denke nicht, dass Windräder ein touristisches Problem sind.” Windenergie sei günstig und könne die Winterstromlücke schließen. Auch bei der Gebäudesanierung würde Hebenstreit ansetzen: “Es ist schade, dass der Bund die Förderungen zuletzt gestrichen hat.”
Ein dritter Schlüssel sei die Mobilität. Dass der Radwegausbau zuletzt ausgebremst wurde, sieht sie kritisch: “Wenn man die 400 Millionen Euro für die Tunnelspinne in Radwege umwidmen würde, könnte man 300 Kilometer bauen.” Grundsätzlich müsse Infrastruktur anders gedacht werden. “Für jede neue Straße sollte eine andere rückgebaut und entsiegelt werden”, sagt sie zur Frage, welche Klimaschutzmaßnahme sie wählen würde, wenn diese sofort umgesetzt wird.