Zivildienst-Paradox: Mehr Bewerber, weniger Bedarf – was steckt dahinter?

Ministerium und Organisationen warnen weiterhin vor Engpässen in der Zukunft.
Schwarzach Wie geht es einer der “tragenden Säulen des Sozialsystems”? So nannte die zuständige Ministerin Claudia Bauer (ÖVP) Österreichs Zivildiener bei der Präsentation der aktuellen Zahlen. Sie warnte: Bei ähnlichem Verhältnis zwischen Wehr- und Zivildienst werden ab 2040 jährlich 4000 Zivildiener fehlen. In Vorarlberg meldeten die Einrichtungen im ersten Quartal aber sogar weniger Bedarf. Die VN wollten wissen, wieso.
730 Zivildiener sind aktuell im Land im Dienst, davon 223 im Rettungswesen, 214 in der Sozial- und Behindertenhilfe und elf in der Altenbetreuung. Im ersten Quartal gab es ein Plus von 19 Prozent bei den Zivildiensterklärungen im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres – insgesamt waren es 329 Erklärungen und 173 Zuweisungen (2025: 185 Zuweisungen im 1. Quartal). Damit konnte der Bedarf mit Stand 1. April mit 92 Prozent gedeckt werden. Das entspricht einem Zuwachs von 12,6 Prozent. Denn im ersten Quartal 2025 betrug die Bedarfsdeckung nur 79,4 Prozent. Vorarlberg konnte dadurch mit Oberösterreich (92,8 Prozent) und Niederösterreich (92,4 Prozent) die höchste Bedarfsdeckung erzielen.
Allerdings meldeten Vorarlberger Einrichtungen einen wesentlich geringeren Bedarf an als im Vergleichszeitraum des Vorjahres: 188 im Vergleich zu 233. Aber sinkt der Bedarf in Vorarlberg wirklich um ein Fünftel? Eine Nachfrage bei Sozialeinrichtungen legt diesen Befund nicht nahe.
Sozialeinrichtungen suchen Zivildiener
Die Sprecherin der Caritas Vorarlberg betont, dass dort momentan noch kein Rückgang spürbar ist. Im ersten Quartal 2026 haben 21 Zivildiener neu gestartet – das entspreche auch dem Bedarf und bedeutet sogar eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr (zwölf Zivildiener). Beim Roten Kreuz Vorarlberg erfahren die VN Ähnliches: Es zeigt sich kein vergleichbarer Rückgang. “Unser gemeldeter Bedarf im ersten Quartal 2025 und im ersten Quartal 2026 liegt auf demselben Niveau”, sagt die Sprecherin. Auch bei der Lebenshilfe Vorarlberg ist der Bedarf an Zivildienern weiterhin hoch und im Vergleich zum Vorjahr unverändert. “Aktuell können wir unseren Bedarf nicht vollständig decken, einzelne Stellen sind daher unbesetzt”, informiert ein Sprecher. Die Einrichtungen rufen daher zu Bewerbungen auf.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von APA Livecenter angezeigt.
Ein Ministeriumssprecher liefert die Erklärung für die Schwankung: “Da der Zivildienst aktuell neun Monate dauert, verschieben sich die von den Einrichtungen bevorzugten Antrittstermine von Jahr zu Jahr, damit die Plätze durchgehend besetzt werden können.” Bis 1. April wurde heuer zwar etwas weniger Bedarf an Zivildienern als im Vorjahreszeitraum, für die Antrittstermine im 2. Quartal hingegen bereits ein höherer Bedarf gemeldet. So könne eine Einrichtung heuer etwa Bedarf für Jänner und September melden und im darauffolgenden Jahr für Juli. Belastbare Aussagen seien erst am Jahresende möglich. Bereits im April liegt der gemeldete Bedarf österreichweit um 8,8 Prozent über dem Vorjahr, im Mai sogar um 16,4 Prozent.
Bauer für Zivildienstverlängerung
Vor dem Hintergrund einer über die Jahre gesunkenen Zahl an Zivildienern sprach sich Ministerin Bauer erneut für eine Verlängerung des Zivildienstes auf maximal zwölf Monate aus. Die Gründe liegen in geburtenschwachen Jahrgängen, seit 2010 ist zudem die Zahl der für tauglich erklärten Männer um ein Viertel zurückgegangen. Österreichweit ist die Zahl jener jungen Männer, die sich in den ersten drei Monaten 2026 für den Zivildienst gemeldet haben, im Vergleich zur Vorjahresperiode um elf Prozent bzw. um rund 500 Personen auf fast 5000 gestiegen. Aktuell liegt die Bedarfsdeckung bundesweit bei 88,8 Prozent.