“Wir haben mit Kindern zu tun, die mit den Eltern um ihren Unterhalt kämpfen”

Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer zieht seine Jahresbilanz: Noch nie hatte er so viele Fälle.
Schwarzach Noch nie haben sich so viele Kinder, Jugendliche, Eltern und Einrichtungen an den Kinder- und Jugendanwalt gewendet. Nicht nur die Zahl der Fälle steigt – sie werden auch immer komplexer, berichtet Kinder- und Jugendanwalt Christian Netzer im VN-Interview.
Wie erklären Sie sich diesen Rekord?
Netzer Ein Umstand ist sicher, dass die Kinder- und Jugendanwaltschaft bekannter geworden ist. Sie ist immer mehr Jugendlichen ein Begriff. Und die Fälle werden immer komplexer, da sind viele Institutionen involviert. Wir können uns all dieser Fälle annehmen.
Wie hat sich die Komplexität verändert?
Netzer Wir haben nicht nur Fälle, bei denen es darum geht, wie viel Taschengeld ein Kind erhalten soll oder wie lange Jugendliche ausgehen dürfen. Wir haben jetzt auch mit Kindern zu tun, die zu Hause rausgeflogen sind, mit Eltern um ihren Unterhalt kämpfen, mit der Schule Themen haben. Allein bei einer Schulsuspendierung sind ein privater Träger der Kinder- und Jugendhilfe, das Bildungswesen und das Sozialwesen involviert. Vielleicht holt man auch die Psychiatrie ins Boot. Wir sind dafür da, dass der Fokus dabei auf dem jungen Menschen bleibt.
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Warum sind die Fälle komplexer geworden?
Netzer Unter anderem aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir merken, dass es dabei eine gesellschaftliche Überforderung mit den Themen gibt. Etwa bei straffällig gewordenen Jugendlichen oder Social Media. Es wird schnell einmal mit Verboten oder härteren Ansätzen gearbeitet. Aber dahinter stecken gesellschaftliche Entwicklungen, denen man auf eine andere Art und Weise Rechnung tragen muss. Man darf die eigentlichen Probleme nicht aus dem Auge verlieren.
Gibt es dafür genügend Angebote?
Netzer Es ist nicht immer möglich, das passende Angebot für Kinder und Jugendliche zu finden, besonders stationäre Plätze. Nicht immer gibt es zeitnah die passenden Hilfen, die Wartezeiten sind manchmal zu lang. Die Sparmaßnahmen der Politik verleiten manche zudem, sie als Begründung für einen fehlenden Platz zu verwenden. Da müssen wir aufpassen.
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Sind die Sparmaßnahmen gar nicht so schlimm, wie manche sagen?
Netzer Das Angebot im Kinder- und Jugendhilfebereich ist ähnlich hoch wie schon vor Jahren. Wir müssen genau darauf schauen, wo private Einrichtungen, die sparen müssen, den Sparstift ansetzen. Im Jugendbereich ist das Gefährliche, dass Auswirkungen von Sparmaßnahmen erst später zu spüren sind. Wir müssen wachsam sein, dass es nicht die Personengruppe trifft, die keine Gewerkschaft oder Kammer als Sprachrohr hat.
Wie sieht die Situation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus?
Netzer Wir merken, dass mehr Fälle bei uns landen. Im Bildungswesen nehmen zum Beispiel die Diagnosen wie ADHS zu. Das darf nicht kippen. Kinder und Jugendliche sind einfach so, wie sie sind.
Gesteht man ihnen das noch zu?
Netzer Die Freiräume werden immer weniger, der Druck nimmt zu. Zum Beispiel in den Schulen, durch Erwartungen des Elternhauses, in der Gesellschaft. Aber auch in den sozialen Medien, wo Kinder mit Schönheitsidealen konfrontiert werden und hören, dass Reichtum gleichbedeutend mit Erfolg sei. Kinder und Jugendliche müssen lernen, damit umzugehen.
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Wo sollen sie es lernen?
Netzer Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Vorrangig trifft es Familien. Kinder dürfen nicht auf Social Media, aber die Verwandtschaft hängt die ganze Zeit am Handy? Etwas, was nicht vorgelebt wird, können Schulen nicht umsetzen. Man darf auch nicht Social Media bis 14 verbieten und danach einfach laufen lassen. Zu dieser Zeit endet die Pflichtschule. Wer soll die Kinder dann begleiten, wenn sie endlich dürfen?