Kommentar: Karneval und Hexen im Süden
Wir sind in der Frühlingssonne unterwegs in Apulien, durch das Land der Trulli, eine Landschaft wie eine mythische Fantasie. Gestern kamen wir durch Putignano. Unser nächstes Ziel hatte noch Zeit, und so machten wir Halt in dieser süditalienischen „Hauptstadt des Karneval“. Ein kleines Museum erzählt dessen Geschichte im Erdgeschoss des Palazzo eines lokalen Fürsten.
Diese Geschichte ist so spektakulär wie widersprüchlich. Heute überbieten sich die Akteure darin, fantasievolle Themenwagen durch die Straßen rollen zu lassen, groß wie Häuser und so kunstvoll, dass daneben alle Faschingsumzüge am Rhein stümperhaft wirken. Im Mittelalter entwickelte sich das bunte Treiben noch sehr viel bescheidener, als Verschmelzung christlicher und heidnischer Bräuche. Und galt dem Spott auf lokale Größen, ob weltlich oder klerikal. Erst im Faschismus, wie man im Museum am Rande erfährt, wurde das Ganze pompös – und eine „Tradition“ erfunden, die es vorher gar nicht gab. Bunte Prunkwagen sollten die faschistische Herrschaft feiern und den Krieg in Abessinien, den Traum davon, das Mittelmeer in ein italienisches Binnenmeer zu verwandeln. Nun galt der Spott dem „Negus“, dem äthiopischen Kaiser, den Afrikanern, den Engländern, und überhaupt allen Widersachern des Duce. Nach 1945 blieb der prunkvolle Karnevalsumzug bestehen, fand aber wieder zu seinem antiautoritären Spott zurück.
Traditionen werden erfunden und verändert. Auch hier im italienischen Süden, wo Carlo Levi mit dessen Buch „Christus kam nur bis Eboli“ in der Tasche wir herumwandern, noch 1936 auf eine heidnisch bäuerliche Welt voller Hexen und Dämonen stieß, eine Welt in der man vom Staat genauso wenig Gutes erwartete, wie vom Wetter, von Malaria und von der nächsten Missernte. Die Hexen wurden von den Bauern verehrt, nicht verbrannt.
Mit den Traditionen ist es so eine Sache. FPÖ Vize-Landtagspräsident Kinz hat ja unlängst dazu aufgerufen, sich endlich mal kritisch mit der Geschichte der Hexenverbrennungen auseinanderzusetzen, die in Vorarlberg erst 1677 zu Ende ging. Keiner weiß, wie er das gemeint hat. Bei den meisten Funkenzünften ist die Botschaft jedenfalls noch nicht angekommen. In den 1870er Jahren hat man das symbolische Hexenverbrennen beim Funken, sozusagen zum Spaß, ja überhaupt erst eingeführt, um dem vom Aussterben bedrohten Funkenbrauch mehr Pepp zu verleihen. So ist die „alte Tradition“ der Funkenhexe in Vorarlberg ungefähr so alt wie die Eisenbahn. Doch Feuer ohne Hexe ist offenbar zu langweilig. Da hört der Spaß genauso auf, wie beim Mohrengesicht auf der Bierflasche.
So passt es doch, dass die Bundesregierung, allen voran Ministerin Bauer, der Beratungsstelle für Opfer von Hass im Netz gerade die öffentlichen Mittel entziehen will. Rassismus oder Frauenfeindlichkeit in Österreich, das hat es ja noch nie gegeben. Wer soll so was melden.
Hanno Loewy ist Autor und Literaturwissenschaftler.
Kommentar