Was auf der politischen Hinterbühne geschieht

Hintergrundgespräche, Telefonate, WhatsApp-Nachrichten: Viele Aktionen der Politik geschehen auf der Hinterbühne und bleiben verborgen. Zeit, ein paar Beispiele an die Öffentlichkeit zu bringen.
Einen wunderschönen Freitag!
Als aufmerksame Newsletter-Leserinnen und -Leser erinnern Sie sich vielleicht an das Vorderbühne-Hinterbühne-Modell. Der Soziologe Erving Goffman entwickelte es Ende der 1950er-Jahre. Seine These: Wir alle spielen Theater. Auf der Vorderbühne geben wir die Rolle, von der wir glauben, dass sie von uns erwartet wird. Auf der Hinterbühne fallen die Masken. Dort bereiten wir uns vor, dort sind wir anders, dort sind wir unter uns.
Anfang der 1990er-Jahre übertrug der Journalismusforscher Hans Mathias Kepplinger dieses Modell auf die Medien. Die Vorderbühne sehen Sie: Pressekonferenzen, Interviews, öffentliche Auftritte. Die Hinterbühne bleibt meist verborgen. Genau dort aber wird es interessant. Dieser Newsletter soll Ihnen einen Blick hinter den Vorhang ermöglichen.
Ein Beispiel: Pressekonferenz. Läuft die Kamera, sind wir per Sie. Wir fragen, die Politik antwortet. Ernsthaft, kritisch, geschniegelt. Geht die Kamera aus, wechselt die Tonlage. Man duzt sich, plaudert, redet über alles Mögliche, erfährt dadurch auch Dinge und kann Themen abklopfen. Politikerinnen und Politiker sind offener. Zwei Welten, getrennt durch einen roten Aufnahmeknopf.
Der Kommunikationswissenschaftler Jochen Hoffmann hat dieses Verhältnis 2003 in drei Kreise gegliedert. Er spricht etwa vom „Zirkeljournalismus“. Im ersten Kreis: die offizielle Vorderbühne. Im zweiten: Hintergrundgespräche, nicht öffentlich, aber essenziell. Sie liefern Informationen und ermöglichen Einordnung, verlangen aber Vertrauen und bergen die Gefahr gefährlicher Nähe. Im dritten Kreis trifft sich die kleinste Runde, die Machtzirkel beider Seiten. Was dort passiert, entzieht sich auch meinem Blick. Dafür bin ich – und das ist beruhigend – zu unwichtig.
Warum dieser kleine Ausflug in die Theorie? Weil ich Ihnen zeigen will, wie diese Hinterbühne funktioniert. Ein Beispiel aus dieser Woche.
Landesverwaltung und Landespolitik reagieren derzeit auffallend sensibel. Beide sind nicht gut auf uns zu sprechen. Ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass wir Distanz halten. Auch wenn ich den Ärger nicht immer nachvollziehen kann.
Konkret ging es um ein UVP-Verfahren (Umweltverträglichkeitsprüfung) für ein Hochwasserschutzprojekt im Walgau. Eine Geschichte mit langem Atem. Im Vorspann schrieb ich: „Die Unterlagen liegen beim Land.“ Ein harmloser Satz, könnte man meinen. Offenbar nicht.
Kurz darauf meldete sich jemand aus dem Landhaus per WhatsApp. Der Vorwurf: „Land-Bashing“. Dabei, und das zeigt auch der Artikel, wartet die Behörde auf Unterlagen. Die Kritik brachte mich ins Grübeln. Vielleicht zu ungenau formuliert? Ich änderte den Satz, weil die Unterlagen beim Land noch nicht vollständig waren. Das Land hat die Unterlagen, wartet aber noch auf etwas. Es ist also beides richtig, sprachlich ist der neue Satz aber präziser. Und niemand fällt ein Zacken aus der Krone.
Eine Ausnahme. Normalerweise ändern wir nichts auf Zuruf. Auf der Hinterbühne melden sich regelmäßig Menschen, die mit Berichterstattung unzufrieden sind. Manche rufen dann laut „Intervention!“. Ich sehe das nüchterner: Jede und jeder darf sich beschweren. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Und da bleiben wir bei den VN konsequent.
Die Hinterbühne ist allerdings nicht nur ein Ort für Hinweise und Kritik. Sie ist auch ein Biotop für Gerüchte. Ich habe das selbst erlebt. Während des Landtagswahlkampfs wurde mir ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin eines Landesratsbüros angedichtet. Komplett erfunden. Aber erstaunlich viele wollten es glauben.
Gerüchte funktionieren wie Flüstern im Theater: Einer beginnt, viele hören zu, am Ende klingt es wie Wahrheit. Das erlebt derzeit auch der Landeshauptmann. Seit Monaten kursiert ein bösartiges Gerücht. Immer wieder werde ich gefragt: Stimmt das? Warum schreibt ihr nichts? Verschweigt ihr etwas? Die Antwort ist unbefriedigend, aber notwendig: Wer Gerüchte öffentlich dementiert, verbreitet sie oft erst recht. Zurück bleibt das Gefühl: „Irgendetwas wird schon dran sein.“
Deshalb mein Rat: Vertrauen Sie keinen Gerüchten. Schon gar nicht in der politisch-medialen Blase. Dort wird viel geredet. Und noch mehr weitergetragen.
Spannend wäre es übrigens gewesen, einen Blick hinter die Kulissen der Bundesregierung zu werfen, nachdem Gerald Loacker für einen Posten im EU-Rechnungshof nominiert wurde. Die Regierung sichert sich in Sidelettern Nominierungsrechte für Posten. Dieses Recht wird genutzt. Bundeskanzler Christian Stocker bringt Loacker in den Ministerrat ein. Kurz darauf kritisiert der Generalsekretär seiner eigenen Partei die Entscheidung öffentlich und spricht von Postenschacher. Die Neos kontern, die ÖVP antwortet. Ein Schlagabtausch per Aussendung und Boulevard.
Die Politik beschäftigt sich wieder einmal mit sich selbst. Die Hinterbühne liefert die Dramaturgie, die Vorderbühne spielt sie aus. Und wir sitzen davor wie im Theater, Popcorn in der Hand. Unterhaltsam, ja. Aber letztlich unerquicklich. Eine Inszenierung, die niemandem nützt und allen schadet.
Zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache. Am 24. Juni findet in Arbogast der VN-Kommentatorenabend mit Kathrin Stainer-Hämmerle statt. Vergangene Woche war Peter Bußjäger zu Gast. Der direkte Austausch mit dem Publikum war intensiv, kritisch und erkenntnisreich. Wir holen die Hinterbühne auf die Vorderbühne. Das nennt sich Transparenz.
Herzlichst,
Michael Prock
Leiter VN-Politikredaktion
Dieser Text erschien im wöchentlichen Politik-Newsletter von VN-Politikchef Michael Prock. Sie können das “VOL.at Hinterzimmer” und weitere Newsletter hier abonnieren: www.vol.at/newslette