Die Woche der Postenpest
Österreich hat wieder seinen Lieblingssport betrieben: Postenschacher mit Moralwäsche. Drei Fälle, ein Befund. August Wöginger wurde im Finanzamt-Braunau-Komplex nicht rechtskräftig wegen Anstiftung zum Amtsmissbrauch verurteilt und trat als ÖVP-Klubchef zurück; Ernst Gödl wurde prompt Nachfolger. Gerald Loacker, früher Neos-Abgeordneter, soll in den Europäischen Rechnungshof ziehen, nachdem Helga Berger im pinken Hearing nur Rang drei erreichte und der Erstgereihte Helmut Berger ausfiel. Und am Küniglberg wird vor der ORF-Wahl so heikel vorgewählt, dass man den Verdacht mit weißen Handschuhen anfassen möchte.
Das Gemeinsame ist die Selbstverständlichkeit, mit der Macht ihre Umgebung als Erweiterung des eigenen Vorzimmers betrachtet. Erst kommt die Partei, dann der Mensch, dann der Posten, und irgendwo hinten wartet die Qualifikation auf Einlass. Man nennt das Vertrauen. In Wahrheit ist es oft nur das Parfüm der Günstlingswirtschaft.
Natürlich braucht Politik Vertraute. Aber zwischen Vertrauen und Versorgung liegt jene Grenze, an der Österreich mit dem Parteibuch als Wünschelrute herumstochert. Vertrauen heißt: Ich kenne deine Integrität. Postenschacher heißt: Ich kenne deine Telefonnummer.
Warum ausgerechnet Österreich? Weil der Proporz hier nicht bloß ein Verfahren war, sondern eine Staatsreligion mit Kammerbeitrag. Nach 1945 hatte er Sinn: Die verfeindeten Lager sollten einander nicht wieder an die Gurgel gehen. Man teilte Macht, Ämter, Betriebe, Rundfunk, Aufsichtsräte und Vorzimmer. Was als Befriedung begann, wurde zur Beutetechnik.
Der historische Proporz war der Rollator einer jungen Demokratie. Nur hat Österreich vergessen, ihn irgendwann wegzustellen. Also humpelt der Staat mit ihm durch die Gegenwart und nennt das Stabilität. In Skandinavien wäre vieles davon nicht undenkbar, weil dort bessere Menschen wohnen; es wäre undenkbarer, weil Transparenz, Distanz und Scham andere Aggregatszustände haben. In Österreich hingegen hat die Scham oft ein Parteisiegel. Sie wird nicht empfunden, sie wird vertagt.
Die kleine Größe des Landes hilft der großen Unsauberkeit. Jeder kennt jemanden, jeder war mit jemandem im Gemeinderat, in der Kammer, im Kabinett oder wenigstens in derselben WhatsApp-Gruppe des nationalen Zwinkerwesens. Österreich ist keine Plutokratie. Es ist klebriger: eine Freunderl-Demokratie, in der Herrschaft nicht mit dem Geldkoffer kommt, sondern mit dem Satz: „Ich schau mir das an.“ Ein Satz wie ein Generalschlüssel.
Die Neos wollten einst die Antithese sein. Nun entdecken sie offenbar die therapeutische Wirkung eines Luxemburger Spitzenjobs. Die ÖVP empört sich über pinke Günstlingswirtschaft mit jener Reinheit, mit der ein Kamin über Ruß referiert. Und der ORF müsste peinlich genau zeigen, dass nicht Freundeskreise und Lagerreflexe entscheiden, sondern Qualifikation. Peinlich genau. Nicht österreichisch ungefähr.
Das Problem ist nicht nur Korruption im strafrechtlichen Sinn. Es ist die Korrosion des Anstands. Jeder fragwürdige Posten frisst Vertrauen aus dem Staat. Jede Versorgung erzeugt einen Nichtversorgten, der besser gewesen wäre. Jede Parteierbfolge sagt jungen Leuten: Streng dich an, aber bitte am richtigen Buffet.
Im Maschinenraum steht noch immer der alte Postenautomat: Parteibuch hinein, Karriere heraus. Manchmal klemmt er, manchmal urteilt ein Gericht, manchmal schreit die Öffentlichkeit. Dann wird kurz poliert, bedauert, reformiert. Und bald darauf klackert er wieder. Die Republik muss ihn abschalten. Nicht weil Vertrauen verboten wäre. Sondern weil Vertrauen ohne Kontrolle nur ein anderes Wort für Freunderlwirtschaft ist.
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