Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Der ESC als Alibi

Politik / 15.05.2026 • 13:06 Uhr

Am Samstagabend entscheidet Wien, welche drei Minuten Europa für die besten hält. Der Eurovision Song Contest ist, bei allen Geschmacksverbrechen, eine der letzten Maschinen zur Erzeugung guter Gefühle. Menschen, die einander sonst wenig zu sagen haben, freuen sich über Stimmen, Länderpunkte, Tränen, Kitsch. Über eine Kunstform, die immer mehr war als Musik: ein Maskenball der Zugehörigkeit.

Ähnlich ist es bei Fußball-WM, NHL, NBA, Skiweltcup, Olympia, im Sport allgemein und bei Pop und Popkultur. Kaum ein Großereignis kommt ohne moralisches Begleitheft aus. Man ist gegen Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung. Man kniet, trägt Schleifen, sagt Diversity und Inclusion, manchmal zu oft, manchmal zu billig, aber doch nicht falsch. Conchita Wurst gewann 2014 auch wegen dieses Versprechens: dass ein Mensch die Bühne betreten darf, wie er ist. JJ gewann 2025 für Österreich mit einer Stimme, die sich keiner Schublade fügt. Beide sind in der queeren Community verankert. Rund um den ESC wird – mit gelegentlich hypertrophen Haltungsnoten – über das Verhältnis zu Israel diskutiert.

Dann löscht man den Fernseher und sieht die andere Welt. AfD und FPÖ werden stärker, Farage drängt nach oben, Le Pen wartet, Trump hat aus der Beleidigung ein Regierungsprogramm gemacht. Putin steht am Ende dieser Linie: Dort ist Ressentiment nicht mehr Kampagne, sondern Staat.

Ist das nicht ein Widerspruch? Millionen jubeln der Offenheit zu und wählen die Abschließung. Sie weinen, wenn ein Außenseiter singt, und misstrauen dem Außenseiter, wenn er an der Grenze steht. Sie feiern den schwarzen Stürmer, solange er Tore schießt, und hören dem Politiker zu, der Vielfalt zum Untergang erklärt.

Vielleicht ist es ein Widerspruch. Vielleicht aber auch die genaueste Beschreibung unserer Gegenwart. Die große Bühne ist das Ferienhaus der Moral. Dort gönnen wir uns, wer wir gern wären: großzügig, weltoffen, fair, gerührt. Politik aber ist das Erdgeschoss mit steigender Miete, Angst um den Arbeitsplatz, Kränkung über sozialen Abstieg. Dort wird das Herz kleiner, weil der Raum enger wirkt. Dort wird aus Fairness die Frage: Bekomme ich auch noch genug?

Popkultur verkauft Zugehörigkeit ohne Kosten. Beim ESC darf jeder anders sein, weil die Andersheit nach drei Minuten vorbei ist und mit zwölf Punkten belohnt werden kann. Der Fremde singt, er wohnt nicht im Gemeindebau nebenan. Die Nation ist Fahne aus Glitzer, nicht Grenze aus Stacheldraht. Die Minderheit braucht Applaus, keinen Platz im Wartezimmer. Wir sind großherzig, solange Großherzigkeit nicht als Verteilungskonflikt erscheint.

Darum sind diese Spektakel nicht wertlos. Sie erinnern daran, dass die andere Möglichkeit existiert. Ein Stadion kann für zwei Stunden beweisen, dass Regeln, Fairness und Respekt keine Hirngespinste sind, sondern Grundbedürfnisse. Ein Song Contest kann zeigen, dass Europa sich noch erkennt, wenn es singt. Nur darf man Euphorie nicht mit Überzeugung verwechseln. Applaus ist noch keine Haltung.

Vielleicht entscheidet sich in Wien also mehr als ein Musikwettbewerb. Nicht, weil der ESC die Welt rettet. Aber weil er uns vorführt, wie leicht es uns fällt, das Richtige zu fühlen, und wie schwer es uns fällt, danach zu handeln. Die Welt ist nicht so tolerant, wie ihre Shows aussehen. Aber sie ist auch nicht so verloren, wie ihre Wahlabende klingen.

Wer Fairness bejubeln kann, hat sie noch nicht vergessen. Er hat sie nur ausgelagert, ins Stadion, auf die Bühne, in die Halbzeitpause der Geschichte. Man müsste sie zurückholen, in den Alltag, in die Gemeinde, in die Wahlkabine. Zwölf Punkte für die Menschlichkeit sind schön. Entscheidend ist, ob wir ihr am Sonntag auch die Stimme geben.