Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Kommentar: Raus aus dem Kampfkäfig!

Politik / 15.06.2026 • 15:42 Uhr

Donald Trump hat sich zum Geburtstag einen feschen Kampfkäfig vor das Weiße Haus stellen lassen. Genauer genommen zu seinem Achtziger und zum 250. Unabhängigkeitstag der USA, welches davon nun das bedeutendere Jubiläum sein mag, liegt im Auge des Betrachtenden. Bei den brutalen Käfigkämpfen, die am vergangenen Sonntag ausgetragen wurden, ist de facto alles erlaubt, selbst wenn einer der Kämpfer am Boden liegt, geht es weiter, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit und schweren Verletzungen. Der US-Präsident ist ein erklärter Fan dieser fragwürdigen Sportart, genannt MMA, Mixed Martial Arts. Wohl auch, weil es rund um das „Oktagon“, wie der achteckige Kampfring mit Gitterwänden in der MMA-Welt heißt, um wilde Emotionen geht, die Trump selbst so gerne befeuert.

Die Emotionsbewirtschaftung im Kampfkäfig setzt auf Wut, Angst und Euphorie. Blut, gebrochene Knochen, ausgeschlagene Zähne inklusive. Darauf, dass viele leider über einen eher unkontrollierten Gefühlshaushalt verfügen und man mit den aufwühlenden Inszenierungen das Hässlichste aus den Menschen herausholen kann. Bei solchen Veranstaltungen werden Gefühle wie Produkte in einem riesigen Emotionssupermarkt verkauft. Es gibt ein endloses Angebot an Früchten des Zorns und Mr. Trump ist ein höchst effektiver Verkaufsleiter. Wann wurden Gefühle zu so einer gefährlichen Ware für unsere Gemeinschaften?

Langweilige Vernunft

Natürlich spielt Trump nicht alleine auf dem Gefühlsklavier, sehr viele andere klimpern mit. Gerade auf den Social-Media-Plattformen, mit denen uns US- oder chinesische Anbieter digital abhängig machen. Hier gilt es als Erfolgsrezept, eine starke, zugespitzte Meinung zu allem zu äußern, Zurückhaltung ist Schwäche. Vernunft ist was für Langweilige, dafür bekommt man ja keine Likes oder Reposts! Die Algorithmen der großen Digitalkonzerne, die höchst emotionale Inhalte durch mehr Sichtbarkeit befördern, unterstützen so auch besonders jene, die ihre niedrigen Instinkte ausleben. Europa hat diesem Emotionswettbewerb im Netz lange zu wenig entgegengesetzt – ob hier abseits von den aktuellen rechtlichen Regulierungsbemühungen auch inhaltliche Gegenentwürfe der EU umgesetzt werden können, ist noch ungewiss.

Wir in Europa sollten bei diesen Überlegungen jetzt auch auf alte Tugendethiken bauen, die uns gegen die Emotionsstürme schützen können. Aristoteles spricht etwa davon, dass Menschen gut leben, sich also gut verhalten sollen, wenn sie miteinander ein gelingendes Leben in der Gemeinschaft führen wollen. Dabei lässt sich tugendhaftes, also richtiges Handeln, nur durch regelmäßige Übung verwirklichen. Möge die Übung uns irgendwann besser gelingen.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.