Es geht nicht um den Sonntag. Es geht um Milch

Politik / 01.07.2026 • 15:30 Uhr
Es geht nicht um den Sonntag. Es geht um Milch

Der Begriff “Sonntagsöffnung” bringt so manche Volksseele zum Kochen. Die Politik vermeidet deshalb tunlichst, das Thema anzuschneiden. Vorarlbergs Landesregierung hat es nun doch gewagt. Nicht gerade für politischen Wagemut bekannt, hat sie trotzdem den kleinen Zeh ins Wasser gehalten. Das Echo ließ vermuten, sie hätte gleich den ganzen Bodensee leergepumpt: große Aufregung, österreichweite Berichterstattung inklusive. Aus einer Mini-Reform wurde binnen Stunden eine Grundsatzdebatte über den Untergang des Sonntags. Absurd.

Die Landesregierung möchte eigentlich nicht viel: Sie will es den Nahversorgern in 65 Gemeinden ermöglichen, sonntags aufzusperren. Und zwar nur in Gemeinden, in denen es ausschließlich ein Geschäft gibt. Arbeiten dürfen lediglich der Geschäftsführer und die Automaten.

Die Landesregierung erlaubt im Grunde nichts anderes als einen größeren Ab-Hof-Kühlschrank mit Eingangstür.

Tatsächlich erlaubt die Regierung also nicht den Sonntags-Shopping-Marathon. Sie erlaubt im Grunde nichts anderes als einen größeren Ab-Hof-Kühlschrank mit Eingangstür. Einen luxuriöseren Milchautomaten. Das reicht, um die Verteidigerarmada ausreiten zu lassen. Der ÖGB ortete einen “klaren Angriff auf den arbeitsfreien Sonntag”. Die GPA kritisierte, dass es wenig nachvollziehbar sei, warum ein Lebensmittelgeschäft im Nachbarort am Nachmittag öffnen dürfe, in der anderen Gemeinde aber nicht.

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Wer sonntags Milch braucht, darf sie an der Tankstelle kaufen. Oder beim Bäcker. Oder im Bahnhof. Nur dort, wo sie eigentlich verkauft wird, soll sie tabu bleiben. Diese Logik erschließt sich nur dem österreichischen Öffnungszeitenrecht. Tankstellen, Bahnhöfe und Bäcker sucht man im ländlichen Raum vergebens. Auch die wenigen Supermärkte mit Teilöffnungen befinden sich im Ballungsraum. Warum soll dies für Bewohnerinnen und Bewohner in Bartholomäberg oder Dalaas anders sein? Die neue Regel ermöglicht es, auch in diesen Gemeinden sonntags eine Grundversorgung zu bieten.

Gesellschaftlich ist der Lebensmittelhandel längst zur Siebentagewoche geworden.

Aus Arbeitnehmersicht dürfen die Alarmglocken hingegen sehr wohl zumindest leise klimpern. Natürlich wird eine Branche näher an den Sonntag als Arbeitstag herangeführt, als es zuvor der Fall war. Allerdings: Es wäre eine weitere Branche von vielen. Frag nach bei den Tankstellen, in der Gastronomie, im öffentlichen Verkehr, im Tourismus, beim Bäcker. Warum soll der Lebensmittelhandel eine Sonderrolle einnehmen? Klar ist aber: Sollten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sonntags arbeiten, muss dies im Dienstvertrag geregelt sein, inklusive Ausgleichsfreizeit unter der Woche – und mit besserer Bezahlung. Dann kann es sogar attraktiv sein, sonntags zu arbeiten.

Dass im Handel viele Frauen arbeiten, ist ein berechtigter Hinweis. Er beantwortet allerdings noch nicht die Frage, warum Sonntagsarbeit dort grundsätzlich problematischer sein soll als in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder der Gastronomie, wo ebenfalls viele Frauen beschäftigt sind. Geschweige denn beim Männerberuf Polizei.

Österreich wird deshalb wohl auch künftig kein Land werden, in dem man sonntags selbstverständlich einkaufen geht. Dafür sitzen die kulturellen Reflexe zu tief. Muss es auch gar nicht. Aber wenn schon der Verkauf einer Packung Milch in einer abgelegenen Gemeinde zur Staatsaffäre wird, dann verteidigen wir längst nicht mehr den Sonntag. Dann verteidigen wir vor allem unsere Gewohnheiten.